*The Fairy Queen-Theater St.Gallen | Oper und Kultur

Oper und Kultur

Kritiken*Kultur- und Buchtipps*Portraits*unabhängig und kompetent seit 2003

*The Fairy Queen-Theater St.Gallen | Oper und Kultur

Purcell "The Fairy Queen" - Theater St.Gallen (7.2.2026)

Verblendung mit Reset

In einer zweiten Premiere feiert das Theater St.Gallen eine Fairy Queen, die bereits Höhenluft geatmet hat. Was als Festspielprojekt im Sommer 2024 auf dem Flumserberg zwischen Wolken, Wind und alpiner Kulisse Form annahm, entfaltet sich nun auch im Grossen Haus des Theaters St. Gallen mit gleichsam humorvoller und düsterer Kontur. Henry Purcells Semi-Oper nach William Shakespeares Sommernachtstraum erscheint hier als sorgfältig gefasstes barockes Bild. Anna Bernreitner führt Regie mit Sinn für das Theatrale in seinem Ursprung, während Robert Howarth das Sinfonieorchester St. Gallen vom Cembalo aus leitet und einen stilistisch geschlossenen Originalklang formt. Die Ausstattung von Hannah Oellinger und Manfred Rainer übersetzt den Zauberwald in eine tierische Bildsprache, die Musik, Bewegung und Spiel miteinander verknüpft. Ein wahrhafter Spagat zwischen den Sparten, den die Umsetzung von den Bühnenakteuren erfordert.


Spartenübergreifendes Werk
Henry Purcells The Fairy Queen lebt von Übergängen, Zuständen und Affekten. Nach der Uraufführung 1692 in London verschwand die Partitur für fast drei Jahrhunderte, bis sie wiederentdeckt wurde. Für ihre St. Galler Inszenierung formte Anna Bernreitner, 2021 mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet, aus losen, nicht chronologisch geordneten Bildern eine zusammenhängende Fassung.

Gesang, Tanz, Schauspiel und Musik greifen ineinander wie Zahnräder eines höfischen Uhrwerks. Das verlangt für all jene, die auf der Bühne agieren, eine spartenübergreifende Flexibilität. Die Regie vertraut dieser Struktur und entwickelt daraus ein Musiktheater, das sich zwar konsequent aus dem englischen Theater des späten 17. Jahrhunderts speist, dieses aber in die Gegenwart transportiert, ohne bemüht modern zu wirken. Form, Rhythmus und theatraler Gestus stehen dabei im Zentrum. So entfaltet sich der Abend mit grossem Respekt vor der historischen Eigenart des Werks. Was mit Liebe und Ablehnung beginnt, mischt sich im Laufe des Abends komplett neu.

Im Zentrum steht eine bevorstehende Hochzeit, ein Moment gesellschaftlicher Ordnung und festlicher Erwartung. Dieser Zustand zieht die Aufmerksamkeit der Feen auf sich. Der Streit zwischen Titania und Oberon wirkt dabei wie ein Störsignal, das sich wellenartig ausbreitet. Liebe gerät in Bewegung, Zuordnungen verschieben sich, Gefühle suchen neue Körper. Die vier Liebenden verlieren ihre Orientierung und finden sie in veränderter Form wieder.

Sphärischer Originalklang
Im Orchestergraben wird diese Haltung konsequent weitergeführt. Robert Howarth, der das Sinfonieorchester St. Gallen vom Cembalo aus leitet, formt gemeinsam mit der Continuo-Gruppe einen geschlossenen, stilistisch durchdrungenen Originalklang. Die Musik klingt transparent, beweglich und fein artikuliert. Purcells Partitur entwickelt so eine unmittelbare Präsenz, die den Raum akustisch in ein englisches Theater verwandelt, mit Tanz, Zeremonie und höfischem Vergnügen, das sich durch Melancholie und Ironie zieht.

Purcells Werk verbindet Musik und Schauspiel zu einem eigenständigen Theatergebilde. Gesang, Tanz und gesprochene Szenen verschmelzen, doch die eigentliche Erzählung liegt in der Musik: Arien, Chöre und Tänze halten das Geschehen an, dehnen es aus oder verdichten es zu Affekten. Freude, Eifersucht, Begehren und Verwirrung erscheinen weniger als innere psychologische Zustände, sondern als Energien, die durch Klang und Bewegung spürbar werden. Die Inszenierung greift dieses Prinzip auf, indem sich diese Atmosphäre in den Vordergrund stellt und die Handlung durch den Wechsel von gesprochenem Wort und musikalischem Ausdruck entfaltet.

Tierische Liebeslust
Die Erzählung von The Fairy Queen folgt einem barocken Prinzip der Spiegelung und Variation. Statt einem Opernplot zu folgen, umkreist sie den Ausgangspunkt von Shakespeares Sommernachtstraum, ohne diesen exakt nachzubilden. Die Handlung der Menschenwelt und jene des Feenreichs verlaufen parallel, überlagern sich, kommentieren einander und geraten irgendwann aus dem Gleichgewicht.

Die Kostümierung von
Hannah Oellinger und Manfred Rainer setzt auf ein durchgängiges Tiermotiv. Mit Ausnahme von Titania, in deren Silbermond sich alles spiegelt, bewegen sich Menschen, Feen und Fabelwesen in einer Welt, die weniger naturalistisch als emblematisch gedacht ist. Federn, Fellstrukturen, gestreifte Perrücken und animalische Körperhaltungen prägen das Bühnenbild. Diese Tierhaftigkeit setzt die Figuren auf ihre Basis, in der Instinkt, Trieb und physische Präsenz sowie eine ordentliche Portion kindlicher Humor im Zentrum stehen.

Besonders deutlich wird dies bei Oberon, dargestellt von Christian Hettkamp. Seine Erscheinung, in ein rituelles Gewand der Nacktheit gehüllt, das grosse Gesten erfordert, bleibt ein Misterium. Mit grossem periodischem Fauchen und kantigen Bewegungen imitiert er ein Tier, das sich nicht konkretisieren lässt. Eine Katze scheint es nicht zu sein, vielleicht eine Echse oder Schlange? Die gespannte Körperhaltung und lauernde Bewegung erzeugen eine Präsenz zwischen Macht, Revierdenken und verletzlichem Stolz. Wie verletzlich dieser in Wahrheit ist, zeigt sich, als er selbst Opfer seiner Magie wird und sich seine Figur nach der Verzauberung in das krasse Gegenteil eines verliebten Esels verwandelt.

Liebesquartett und Feenkönigin
Schauspielerin Chantal Dubs gestaltet Titania als stolze, sinnliche und leicht eigensinnige Feenkönigin, die sie mit einem Augenzwinkern ins Exzentrische lenkt. Ihr Zusammenspiel mit Oberon bildet das emotionale Kraftzentrum des Abends.

Das menschliche Liebesquartett überzeugt durch klare Konturen und lebendige Interaktion. Olivia Smith als Helena und Kali Hardwick als Hermia profilieren mit klar fokussierten, beweglichen Stimmen zwei deutlich unterschiedliche Temperamente. Jonas Jud gestaltet Lysander mit einem markanten, klanglich präsenten Bass, der Verliebtheit, Verwirrung und verletzten Ehrgeiz plastisch ausformt, während Robert Bartneck als Demetrius mit seinem sanftmütigen, geschmeidig geführten Tenor eine lyrischere Gegenfarbe setzt, stets mit sicherem Gespür für barocken Affekt.

Als Jacques setzt der Counter Théo Imart mit seiner hell timbrierten, präzise geführten Stimme einen klanglich markanten Akzent. In den gesungenen Passagen auf Englisch überzeugt er durch stilistische Sicherheit und feines Gespür für barocken Affekt. Die deutschsprachigen Sprechszenen stellen eine besondere Herausforderung dar, sodass die Figur vielmehr über Klangfarbe, Körper und Präsenz wirkt. Bei allen Sprachbarrieren hilft jedoch die Übertitelung.

Zwiegestalt
Die Aufteilung Pucks in Nachtspuk und Morgentau, tänzerisch verkörpert von Mario Venanzi und Wassilissa Serafin, öffnet die Figur auch in Richtung einer geschlechtlichen Polarität. Männlich und weiblich erscheinen als zwei energetische Zustände desselben Prinzips. Derart zwiegestaltig zeigt sich Puck als Verkörperung von Bewegung, Störung und Übergang, mit schelmenhafter Präsenz und vollem Körpereinsatz. Tanz und Körpersprache übernehmen die kommentierende Funktion und fügen sich nahtlos in das musikalische Geschehen ein.

Daraus entwickelt sich eine Erzählung, die sich aus Wandlungen speist. Menschen nehmen tierische Züge an, Feen rücken näher an das Menschliche, Macht materialisiert sich im Körper, Liebe erweist sich als unzuverlässig. Am Ende steht ein neu austariertes Gleichgewicht. Ordnung stellt sich ein, von spürbarer Fragilität, jederzeit bereit, erneut ins Wanken zu geraten. In dieser Schwebe entfaltet sich der Zauber des Abends.

Honigwein
Ihre Wirkung aus Konzentration und Konsequenz gewinnt das ursprüngliche Festspielprojekt vom Flumserberg im Theaterraum an Schärfe, ohne seine Offenheit zu verlieren. Historische Klanglichkeit und tierische Bildsprache verbinden sich zu einem Abend, der Purcells Musiktheater als lebendiges Gesamtereignis erfahrbar macht. Ein Zauberwald, der aus Musik, Körpern, Stimmen und Instinkten wächst. Und während sich der imaginäre Honigwein aus dem Zauberwald perlend über die Zuschauerreihen ergiesst, greift die Spiellust des Ensembles spürbar auf das Publikum über, verlockend und voller überschäumender Freude.

Weitere Aufführungen bis zum 12. April 2026
Infos und Tickets

Carmela Maggi, 8. Februar 2026

Bildrechte: Theater St.Gallen
5597_fairy_queen_620 2