*Aida-21.St.Galler Festspiele | Oper und Kultur

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*Aida-21.St.Galler Festspiele | Oper und Kultur

Aida- 21. St.Galler Festspiele (20.6.26)

Make Love not War

Am Ende bleiben Sieger und Besiegte Teil einer gemeinsamen Geschichte. Unter den steinernen Gewölben ihres Grabes finden Aida und Radamès jene Freiheit, die ihnen die Welt der Herrscher verweigert hat. Mit Verdis Oper Aida eröffnen die St.Galler Festspiele zum 21. Mal, diesmal im Grossen Haus. Ein Moment, der den Blick auf die Grundspannung der letzten Saison noch einmal bündelt und das Spielzeitmotto «Macht Liebe» in vielschichtiger Form aufscheinen lässt. Zugleich erhält der Abend besondere Bedeutung als letzte Opernpremiere des Musikalischen Leiters Modestas Pitrenas am Theater St.Gallen.


Ruf ins Ungewisse
Ben Baur entwirft eine szenische Welt von konsequenter Kühle vor der er Bilder mit starken Eindrücken entstehen lässt. Die Bühne wirkt wie ein steingraues, fast erstarrtes System, das die Figuren umschliesst und jede Bewegung unter Spannung setzt. In dieser Atmosphäre erhält Aidas erste grosse Szene eine besondere Wucht. „Ritorna vincitor“ erscheint als innerer Bruch, in dem Herkunft, Liebe und politische Realität ineinander greifen und eine existenzielle Spannung freisetzen. Die Regie entwickelt eine Bildsprache aus Licht, Fläche und Verdichtung, die die emotionale Isolation der Figuren sichtbar macht und die Handlung in einen Zustand permanenter Reibung versetzt.
Uta Meenens Kostüme unterstützen diese szenische Ordnung in einer klaren visuellen Sprache. Ohne Überzeichnung erscheinen die Figuren darin in einem Spannungsfeld aus historischer Anmutung und abstrakter Verdichtung, das die soziale Hierarchie des Hofes sichtbar macht und zugleich die emotionale Kälte der Konstellationen unterstreicht. In Verbindung mit dem Bühnenbild entsteht so ein geschlossenes visuelles System, das die musikalische Architektur von Verdis Oper aufnimmt und weiterführt.

Schicksalslenker
Die Hofwelt verstärkt diesen Druck ins Gesellschaftliche. Amneris erscheint dabei als Figur, die sich in mehreren Spiegelungen entfaltet: Eine ältere, eine jüngere und eine schattenhafte Ebene legen sich übereinander und formen das vielschichtige Bild weiblicher Erinnerung, Selbstbehauptung und Projektion. Darin bilden Elenita Queiróz als Greisin, Daria Gerig beziehungsweise Anaís Puyal in der kindlichen Form sowie Sara Peña Cagigas, Sara Pennella und Steven Forster als Schatten, gemeinsam dieses gestaffelte Figurenfeld. Eine Konstellation, die das Leiden der Eifersucht in einer Struktur sichtbar macht, die weit über den Moment hinausreicht.
Libby Sokolowski, bislang vor allem im Sopranfach verortet, erschliesst sich mit der Partie der Amneris eine ausgeprägt leuchtende Mezzolage und gewinnt daraus ein ungeahntes Volumen im Zentrum ihrer Stimme. Aus dieser klanglichen Mitte heraus entfaltet sich eine geschlossene, tragfähige Präsenz, die der Figur eine souveräne innere Stabilität verleiht.

Der Chor des Theaters St.Gallen entfaltet jene besondere Kraft, die Verdis Musikdramaturgie im Wesentlichen trägt. In den markanten Szenen wirkt er als kollektiver Körper der Macht, Ordnung und der öffentlicher Repräsentation. Gerade in den monumentalen Passagen entsteht daraus ein klangliches Gefüge von grosser Dichte, das die individuellen Konflikte der Hauptfiguren kontrastiert und zugleich verstärkt. In der Form eines Hofsystems rahmt er sich als Ordnung einer permanenten Beobachtungsinstanz ein, eingebunden in die Grausamkeit jener, die das Schicksal anderer lenken.

In der Triumphszene verdichtet sich dieses Gefüge zu einer monumentalen Klangarchitektur, in der der Staat als akustische Machtform erscheint, die das Individuum in der Masse aufgehen lässt und eine Logik der Gleichmacherei entfaltet, in der persönliche Konturen verschwinden und das Gesicht des Einzelnen zur austauschbaren Fläche wird. Eine Entwicklung, die die wahre Gefahr dieser Ordnung sichtbar macht und sich auch in gegenwärtigen Bildern kollektiver Inszenierung spiegelt.


Freiheit
Im Schlussbild konzentriert sich die Oper vollständig auf die beiden Liebenden. Als Grabduett entzieht sie sich der gesellschaftlichen Ordnung und verdichtet die Musik zu einer letzten Form von Intimität. Die Szene gewinnt eine stille, klare Eindringlichkeit, in der sich das Werk von seiner Monumentalität löst und in einen Zustand von konzentrierter Ruhe übergeht. Liebe und Tod erscheinen hier als letzte Form von Freiheit innerhalb eines geschlossenen Systems.
Amber R. Monroe gestaltet Aida mit grosser vokaler Präsenz und einer unmittelbaren Strahlkraft, die sich mühelos über den orchestralen Raum legt, dabei, bei aller Stimmkraft, die dahintersteckt das Mädchenhafte nicht verliert. Die Partie gewinnt durch diese Klarheit eine leuchtende, beinahe körperlich spürbare Intensität, die den inneren Konflikt der Figur nach aussen trägt. Marcelo Puente zeichnet Radamès als bewegliche, zwischen Pflicht und Gefühl gespannte Figur, deren Linienführung die Zerrissenheit des Charakters hörbar macht, während Vincenzo Neri Amonasro eine markante, konzentrierte Energie verleiht. Jonas Jud als König, Sultonbek Abdurakhimov als Ramfis sowie das übrige Ensemble ergänzen dieses Gefüge mit klar gesetzten Rollenprofilen.

Abschied mit Perspektive
Modestas Pitrenas nimmt mit diesem Herzensprojekt nach acht Jahren Abschied als Chefdirigent des Theaters St.Gallen. Zusammen mit dem Sinfonieorchester des Hauses bildet er an diesem Abend jene grossen Bögen mit der ihm eigenen, unverkennbar bewegenden Dynamik. Chorische Kraft und lyrische Linien stehen dabei in einem klaren Verhältnis, das die Architektur der Partitur deutlich hörbar macht. Seine letzte Opernpremiere erhält dadurch eine konzentrierte Signatur, die den Abend zusätzlich auflädt und ihm eine besondere biografische Sicht verleiht.
Am Ende bleibt ein Abend, der sich in seiner Bildsprache ebenso konsequent zeigt wie in seiner musikalischen Anlage. Verdis
Aida verbindet monumentale Opernarchitektur mit einer klaren psychologischen Verdichtung. Die St.Galler Festspiele eröffnen damit einen Zyklus, der das Spielzeitmotto «Macht Liebe» in seiner ganzen Ambivalenz sichtbar macht. Eine eindringliche, präzise gesetzte Produktion, die ihre Wirkung aus der Spannung zwischen Kälte und Emotion gewinnt.
Die Oper bildet nur einen Teil des Erlebnisses, das durch das spartenübergreifende Programm der Festspiele zusätzlich erweitert wird..

Weitere Aufführungen bis zum 4. Juli 2026: Tickets und Infos

Carmela Maggi
19. Juni 2026

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Foto Xiomara Bender/ Genehmigung: Theater St.Gallen