*Romeo und Julia-Theater St.Gallen | Oper und Kultur

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*Romeo und Julia-Theater St.Gallen | Oper und Kultur

Bellini "Romeo und Julia" - Theater St.Gallen (14.9.25)

Das Schweigen der Frauen

Das Theater St. Gallen zeigt Bellinis «Romeo und Julia» in einer Inszenierung, bei der die Titelrollen in einem neuen Licht erscheinen. In der Opernversion nach Matteo Bandellos Vorlage, der auch Shakespeare folgte, hinterfragt das Haus mit der gestrigen Premiere die Geschlechterrollen radikal. Ein mutiger Zugriff, der beim Publikum polarisierende Reaktionen hervorruft, besonders bei jenen, die sich eine klassische Umsetzung der wohl bekanntesten Liebesgeschichte der Theaterliteratur erhofften. Eingerahmt in eine stimmungsvolle Ausstattung gelingt es der Regie, mit einem Chor, in dem die Frauen zu stummen Statistinnen verdammt sind, das weibliche Liebespaar in den Vordergrund zu stellen. Bellinis Oper, die im Schatten seines Welterfolgs «Norma» eher selten gespielt wird, bewahrt dadurch, frei von den pompösen Orchestrierungen Richard Wagners, ihre subtile Schönheit. Eine Anforderung, die Gastdirigent Michael Balke zwischen Tragik und Moderne einfühlsam umzusetzen vermochte.


Bellinis Tragödie jenseits von Shakespeare
Wenn sich im Grossen Haus des Theaters St.Gallen der Vorhang zu Vincenzo Bellinis "I Capuleti e i Montecchi" hebt, begegnen wir nicht der allzu vertrauten Welt Shakespeares, die wiederum auf Matteo Bandellos Vorlage basiert, sondern viel eher einer eigenen, eigentümlich schwebenden Fassung der Veroneser Tragödie. Die in Italienisch aufgeführte Oper ist ein Kosmos aus Belcanto-Bögen und kollektiver Gewalt, zwischen oft wenig verhaltenen Gesten der Zärtlichkeit und den eruptiven Ausbrüchen des Chors, bei dem ausschliesslich die Männer zu Wort kommen. Schon 1830, in der der sizilianische Komponist die Oper während zwei Monaten für das Theatro La Fenice fertiggestellt haben soll, war kein romantisches Märchen, sondern ein Stück über das Unvereinbare. Über eine Liebe, die inmitten von Macht, Clan und männlicher Härte keinen Platz findet.

Wild West trifft Science-Fiction
Das Theater nimmt diese Lesart beim Wort und verstärkt sie durch eine Inszenierung, die zugleich verspielt und unbarmherzig ist. Regisseurin Pinar Karabulut, für ihre Bildkraft und ihren Sinn für Gegenwartstheater bekannt, entwickelt ein Szenario, das die altbekannte Fehde in eine Mischung aus Western-Mythos und Science-Fiction verlegt. Revolver, galoppierende Heldenposen und archaische Gesten treffen auf futuristische Kühle und eine Ästhetik der Fremdheit. Gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Michela Flück erschafft sie Räume, die wie leere Arenen wirken, Orte für Duelle, Machtproben und Aufmärsche, jedoch selten für intime Nähe. Bernd Purkrabek und Philip Deblitz verstärken diese Atmosphäre mit ihrem vielschichtigen Licht, das zwischen Staub, Neon und Schatten changiert.
Die Kostüme von Teresa Vergho erzählen in nahezu kafkaesker Art von Uniformität. Capuleti und Montecchi unterscheiden sich farblich, doch innerhalb ihrer Lager bleibt alles schematisch, anonym, austauschbar, besonders nach Einbruch der Nacht. Nur die Liebenden selbst, Romeo und Giulietta, wirken mit Kostümen, die gleichsam aus den Bildern Frida Kahlos herauszuspringen scheinen, wie aus einer anderen Welt. So entsteht eine klare Frontstellung. Zwei Einzelne gegen das Kollektiv. Dass diese Kollektivmacht nicht nur akustisch, sondern auch szenisch Gewicht erhält, ist der Leistung des von Filip Paluchowski einstudierten Chors zu verdanken. Seine Auftritte, bei der die Masse zur eigentlichen Hauptfigur der Oper wird, erhalten monumentalen Charakter.

Zwei weibliche Stimmen gegen das Patriarchat
In dieser feindlichen Welt bewegt sich "Giulietta" als zartes Zentrum der Handlung, hin- und hergerissen zwischen Familie, Religion und profunder Liebe zu Romeo. Kali Hardwick gibt ihrer Julia einen sublimen Sopran von jugendlicher Leuchtkraft, der zwischen Hoffnung und Furcht zeitweilig zu bersten droht. Ihre Giulietta ist bei aller Zartheit keine passive Dulderin, sondern eine junge Frau, die im Konflikt zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und auferlegten Doktrinen förmlich zerrissen wird. Besonders in den innigen Szenen mit Romeo entfaltet Hardwick ein Legato, das zeitlos bis ins Pianissimo führend einen Gegenentwurf zur Härte ihrer Umgebung bildet. Den frenetischen Beifall erntet sie deshalb zu Recht.
Auch Romeo, von Jennifer Panara verkörpert, schafft es, die Ambivalenz mit Ihrer Stimme zwischen Wärme und kämpferischer Attacke zum Ausdruck zu bringen und sich mit ihrem Timbre gleichzeitig mit Julia zu verbinden. Bellini schrieb die Rolle bewusst für einen Mezzosopran. Ein Kunstgriff der, sonst von Frauen in Hosenrollen verkörpert, schon damals stereotype Geschlechterbilder auf der Opernbühne verschob. Deshalb ist die Inszenierung weniger innovativ, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Panaras Romeo ist kein überhöhter Held, sondern ein Mensch, der im Versuch, Stärke zu zeigen, immer wieder an seine Grenzen gerät. Die Begegnungen mit "Giulietta" sind bei ihr weniger Momente unbedingten Glücks, sondern Augenblicke der Verzweiflung. Ein Ringen darum, ob ihre Liebe gegen die Wucht der Umstände bestehen kann.

Machtgesten und Gegenspieler
Während sich die Stimmen der Gegenspieler homogen mit den Titelrollen und der Orchestrierung verbinden, zeichnen sie im Gegensatz dazu ein klares Bild der Macht. Der tiefgründige Bass von Jonas Jud verleiht Capellio autoritäre Härte. Mit eisiger Führung stellt er den Vater als Patriarchen dar, der mehr auf Familienehre als auf das Glück der Tochter bedacht ist. Omar Mancini lässt als Tebaldo aufglühende Leidenschaft und martialische Attacke ineinanderfallen. Er ist ein Bräutigam wider Willen, getrieben von verletzter Ehre. Ganz nach Tradition der Italienischen Schule bringt Riccardo Bottas Tenor als Lorenzo eine mildere, menschlichere Farbe ins Spiel. Seine Stimme trägt den Ton des Ratgebers, der den Ausweg kennt und doch am Ende ohnmächtig bleibt.

Bellinis Musik als schwebender Atem
Obwohl die Inszenierung von Pinar Karabulut ästhetische und stimmungsvolle Bilder erzeugt, wirkt sie teilweise statisch. Doch gerade hierin scheint sich ihre Stärke zu zeigen: An die alte Tradition anknüpfend, fordert sie die Sängerinnen und Sänger nicht über Gebühr, sodass die Belcanto-Linien jederzeit frei und nuanciert erklingen können. Die Bühnenbewegungen sind zurückhaltend, was den Fokus auf die stimmliche Gestaltung der Figuren lenkt und den Dialog zwischen Romeo und Julia, aber auch zwischen den Chorgruppen, klar zur Geltung bringt. In dieser kontrollierten Szenerie entfalten die Musikerinnen und Musiker ihre Ausdruckskraft ohne Atemnot oder überhastete Gestik, wodurch die subtile Schönheit der Partitur erhalten bleibt.

Dass all dies zu einem musikalischen Gesamtkunstwerk verschmilzt, ist der Leitung von Michael Balke zu verdanken. Mit dem Sinfonieorchester St.Gallen entfaltet er Bellinis Kunst der langen Linie. Ein Atem, der nicht gehetzt, sondern getragen wirkt, ein Klang, der Transparenz und Fülle zugleich findet. Auch Balke achtet darauf, dass die Sängerinnen und Sänger auf dem Belcanto-Teppich frei agieren können, ohne vom Orchester erdrückt zu werden. In den orchestralen Farben, getragen durch die melancholischen Linien des Cellos, den warmen Einsätzen des Horns und den zarten Arabesken der Klarinette, entsteht ein Dialog mit den Stimmen, der zu den kostbarsten Momenten dieser Aufführung gehört.

St.Gallen im internationalen Kontext
Das Theater St.Gallen zeigt mit dieser Produktion, dass es nicht nur ein traditionsbewusstes Haus ist, sondern den Mut hat, selten gespielte Werke des Repertoires mit Gegenwartsfragen zu verknüpfen. Karabuluts Regie deutet die Oper als Reflexion über Männlichkeitsbilder, über die Uniformität von Macht und über die Zerbrechlichkeit der Gefühle, die in dieser Welt keinen Schutzraum finden. Damit fügt sich diese Koproduktion mit Nancy, Magdeburg und Antwerpen nicht nur in einen internationalen Kontext ein, sondern gewinnt auch vor Ort an Relevanz. Sie stellt die Frage, wie viel Raum für Individualität in einem System bleibt, das auf Tradition und Kontrolle beharrt.
Am Ende überleben wie so oft die Frauen. So überlässt es die von einer eigentümlichen Schwebe umhüllten Inszenierung dem Publikum das Ende der Tragödie neu zu schreiben. Denn Bellinis Musik, so klar, so einfach und doch so innig, lässt uns das Geschehen in sizilianischer Manier nicht als endgültig begreifen. Sie klingt nach wie ein Traum, der den Tod verleugnet. Vielleicht ist es diese Spannung zwischen tödlicher Enge und musikalischem Schweben, die "I Capuleti e i Montecchi" auch fast zweihundert Jahre nach der Uraufführung zu einer zutiefst modernen Oper macht.

Weitere Aufführungen bis zum 23. November 2025
Infos und Tickets

Carmela Maggi, 14. September 2025

Bildrechte: Theater St.Gallen
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