Festkonzert "Orgel in 3D" - 21. St.Galler Festspiele (24.6.2026)
Ein Gloria zum Aufbruch
Mit dem Festkonzert «Orgel in 3D» setzen die St. Galler Festspiele einen glanzvollen Schlusspunkt unter die Ära von Modestas Pitrenas. In der Kirche St. Laurenzen verbinden sich monumentale Orgelklänge, ein hervorragend disponiertes Orchester, zwei eindrucksvolle Chöre und eine Sopranistin von aussergewöhnlicher Ausstrahlung zu einem Abend von musikalischer Dichte.
Das Festkonzert «Orgel in 3D» ist weit mehr als eine Demonstration orchestraler und vokaler Klangfülle. Es ist ein Abend, an dem Musik Räume schafft, Perspektiven öffnet und zugleich einen bedeutenden Abschnitt der St. Galler Musikgeschichte beschliesst. Im Rahmen der diesjährigen Festspiele verabschiedet sich Modestas Pitrenas mit diesem Projekt nach acht Spielzeiten als Musikalischer Leiter von Konzert und Theater St. Gallen. Dass dieser Abschied mit einem Programm erfolgt, das monumentale Klangwelten mit spiritueller Tiefe verbindet, hätte passender kaum gewählt werden können.
Klangarchitektur
Den Auftakt bildet Joseph Jongens selten gespielte Symphonie concertante op. 81 für Orgel und Orchester. Das 1926 entstandene Werk zählt zu den bedeutendsten Kompositionen für diese Besetzung. Jongen schrieb es für die legendäre Wanamaker-Orgel in Philadelphia und schuf damit ein Werk an der Schnittstelle von Spätromantik und Impressionismus. Die Partitur lebt von schillernden Farben, grossen Spannungsbögen und einem faszinierenden Wechselspiel zwischen Soloinstrument und Orchester.
Bernhard Ruchti übernimmt den anspruchsvollen Orgelpart mit jener Selbstverständlichkeit, die nur aus einer innigen Vertrautheit mit dem Instrument erwächst. Seit 2013 Organist der Kirche St. Laurenzen, erweist er sich als souveräner Architekt eines Klangraums, dem es selbst unter schwierigen akustischen Bedingungen gelingt, einen vollkommenen Bogen zum Orchester zu bilden. Dabei nutzte er die Orgel-Palette zur differenzierten Gestaltung feinster Klangabstufungen.
Bereits im ersten Satz entsteht ein vielschichtiges Geflecht aus orchestralen Farben und organischer Linienführung. Orgel und Orchester begegnen sich als Partner in einem permanenten Dialog. Immer wieder eröffnen sich klangliche Horizonte, in denen sich einzelne Instrumentengruppen mit den Registern der Orgel verbinden und dabei neue, glitzernde Farben hervorbringen.
Das Divertimento bringt eine überraschende Leichtigkeit ins Spiel. Rhythmische Beweglichkeit und tänzerische Eleganz prägen den Charakter dieses Satzes. Im anschliessenden Molto lento scheint die Zeit stillzustehen. Die Musik entfaltet sich mit Ruhe und Konzentration, getragen von langen Bögen und einer beeindruckenden klanglichen Transparenz.
Die abschliessende Toccata entfaltet jene mitreissende Energie, die den Finalsatz zu einem der spektakulärsten Schlussstücke der Orgelliteratur macht. Bernhard Ruchti bewältigt die virtuosen Kaskaden mit beeindruckender Sicherheit und rhythmischer Präzision. Zugleich sorgt Modestas Pitrenas mit dem Sinfonieorchester St. Gallen dafür, dass die dichte Faktur des Satzes in ihren musikalischen Ebenen stets präsent und nachvollziehbar bleibt. So verbindet sich orchestrale Wucht mit struktureller Klarheit zu einem packenden Finale, das das Publikum mit begeistertem Applaus aufnimmt.
Zwischen Jubel und Andacht
Mit Francis Poulencs Gloria folgt eines der populärsten geistlichen Werke des 20. Jahrhunderts. Entstanden zwischen 1959 und 1960, verbindet die Komposition religiöse Ernsthaftigkeit mit französischer Eleganz, Leichtigkeit und einer immer wieder aufblitzenden Lebensfreude. Kaum ein anderes Werk vermag sakrale Feierlichkeit und menschliche Wärme derart selbstverständlich miteinander zu verbinden.
Der Bach-Chor St. Gallen und der Chor des Theaters St. Gallen, einstudiert von Alexandra Schmid und Filip Paluchowski, präsentieren sich als beeindruckend homogene Einheit. Die grossen Chorszenen entfalten Strahlkraft und Präzision. Besonders gelungen sind dabei die zahlreichen dynamischen Abstufungen, die Poulencs vielschichtige Partitur plastisch hervortreten lässt.
Immer wieder wechselt die Musik zwischen jubelnden Ausrufen und Momenten stiller Versenkung. Gerade in diesen Kontrasten zeigt sich die Qualität der Aufführung. Die Chöre überzeugen durch Textverständlichkeit, Klangkultur und stilistische Flexibilität.
Lyrische Mitte
Zu den grossen Überraschungen des Abends gehört die Sopranistin Olivia Smith. Die kanadische Sängerin, seit dieser Spielzeit Mitglied des Ensembles von Konzert und Theater St. Gallen, verfügt über eine Stimme von aussergewöhnlicher Klarheit und Leuchtkraft. Ihre Ausbildung am renommierten Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie ihre Tätigkeit als Adler Fellow an der San Francisco Opera bilden das Fundament einer bereits bemerkenswerten Karriere.
Im Gloria gestaltete Smith ihre Solopartien mit Natürlichkeit und berührender Innigkeit. Ihr Sopran schwebt mühelos über Chor und Orchester, ohne jemals forciert zu wirken. Besonders in den lyrischen Passagen gelingt ihr eine scheinbar schwerelose Linienführung, die den sakralen Charakter des Werkes eindrucksvoll unterstreicht. Ihre Präsenz verleiht der Aufführung zusätzliche Strahlkraft und macht neugierig auf kommende Aufgaben in St. Gallen.
Prägende Ära
Im Mittelpunkt des Abends steht dennoch Modestas Pitrenas. Über acht Spielzeiten hinweg hat er das musikalische Profil von Konzert und Theater St. Gallen entscheidend geprägt. Sein Wirken erschöpfte sich nie in der blossen Erfüllung dirigentischer Aufgaben. Vielmehr entwickelte er mit dem Sinfonieorchester St. Gallen eine künstlerische Partnerschaft, die auf gegenseitigem Vertrauen, Respekt und gemeinsamer musikalischer Neugier beruhte.
Eine besondere Verbindung, die auch an diesem Abend spürbar wird. Eingebunden in eine Symbiose versteht es Pitrenas, aus den Spezialistinnen und Spezialisten des Orchesters das Beste herauszuholen und ihre individuellen Qualitäten zu einem lebendigen Ganzen zu verbinden. Die Aufmerksamkeit innerhalb des Orchesters, die Sensibilität für Klangfarben und die Bereitschaft zum gemeinsamen Atmen erzeugen jene Intensität, die grosse Aufführungen auszeichnet. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Dirigent und Orchester, die sich unmittelbar auf das Publikum überträgt.
So wird das Festkonzert zu einem musikalischen Höhepunkt der diesjährigen Festspiele. Für die Region bedeutet der Weggang von Modestas Pitrenas zweifellos einen Verlust. Unter seiner Leitung gewann das Musikleben in St. Gallen an Profil, Qualität und Ausstrahlung.
Gleichzeitig markiert dieser Abschied einen Aufbruch, bei dem sich der Blick nun auf neue Aufgaben und weitere Horizonte richtet. Wohin ihn sein Weg auch führen wird: Sein letztes Festspielkonzert hinterlässt den Eindruck eines Künstlers, dessen musikalische Handschrift in der Region noch lange nachhallen wird.
Carmela Maggi
24. Juni 2026