*Verdi Ernani-Theater St.Gallen | Oper und Kultur

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*Verdi Ernani-Theater St.Gallen | Oper und Kultur

Verdi "Ernani" - Theater St.Gallen

Best of Ernani

In einer Koproduktion mit dem Opera Ballet Vlaanderen feiert das Theater St.Gallen die Premiere von "Ernani" mit einer ungewöhnlichen Werk-Aufführung. Bei Verdis Musik, auf seine Essenz gekürzt, kommen die schönen Arien und Chorpassagen unter der musikalischen Leitung von Modestas Pitrenas aber nicht zu kurz. Alle Intermezzi müssen nämlich zugunsten von schauspielerischen Einwürfen weichen, die primär einer Vermittlung der szenischen Atmosphäre dienen. Das Interesse ist bei einem zu vier Fünftel besetzten Saal zwar nicht so gross wie bei anderen Premieren. Das anwesende Publikum honoriert jedoch mit Standing Ovations.

Die Luft schmecken
Wenn das Theater Basel eine Kafkaeske Aufführung wie "Vergeigt" eine Oper nennen darf, so darf es das Theater St.Gallen bei dieser Ernani-Produktion erst recht tun. Auch wenn die Musik auf seine Essenz gekürzt und mit Texten des Theaterautors Peter Verhelst gespickt wurden. Stefan Wieczorek hat diese für die Koproduktion aus dem belgischen Haus Opera Ballet Vlaanderen in die deutsche Sprache übertragen und Schauspielerin Brigit Bücker baut damit Brücken, die die herausgestrichenen Orchester-Intermezzi kompensieren. In einer grandiosen Darstellung vermittelt sie darin eine szenische Atmosphäre, die mit dem hochkomplexen Libretto von Verdis Oper "Ernani" zwar wenig zu tun haben, aber die Luft der jeweiligen Szenerie schmecken lassen.

Tiefgreifende Eindrücke
Ein hoher Anspruch, nicht nur an die Mitwirkenden, sondern auch an das Publikum. Aber vielleicht vereinfacht es die Sache für jene, die den vorgelegten Hintergrund mutig verwerfen und sich ganz neu auf die sinnliche Produktion einlassen.
Denn Buchstäblich die Luft schmecken, liess auch die Regie von
Barbora Horáková, nicht zuletzt durch die Ausstattung von Eva-Maria Van Acker und die gespenstisch anmutenden Videoprojektionen von Tabea Rothfuchs, mit denen gleichermassen ästhetische aber auch symbolisch tiefgreifende Eindrücke auf einem minimalistisch-geometrischen Bühnenhintergrund entstanden sind.

Essenz der Opernhöhepunkte
So bleiben auf der musikalischen Ebene quasi die Best-Of-Passagen. Also Ouvertüre, Arien und Chorpassagen, durch die der musikalische Leiter Modestas Pitrenas mit gewohnter Inbrunst führt, mit der er sowohl Mitwirkende als auch das Publikum mitreisst.
Vielleicht als Symbolik einer immer schneller werdenden Zeit, in der alles auf eine Essenz reduziert wird und keine Geduld mehr besteht, sich auf langatmiges Zwischenspiel einzulassen? Nun, Mut zur kreativen Auseinandersetzung mit einem monumentalen Werk wie Verdis "Ernani" beweist die Produktion allemal! Und auch wenn das eher selten gespielte Werk keine Ohrwürmer für den Nachhauseweg zurücklässt, ist die Musik des grossen italienischen Komponisten immer wieder hörenswert. Nicht zuletzt durch die gewaltigen Chorpassagen, von Theater- und Opernchor unter der Leitung von Franz Obermair hochdramatisch ausgeführt.

Spanischer Ehrenkodex
Hochdramatisch zeigen sich auch die Solistinnen und Solisten. Allen voran in der Titelrolle Christopher Sokolowski, der in seiner Darstellung körperlich, wie emotional wohl an die Grenzen vorstellbarer Kraft gehen musste.
Gefangen im Zentrum des ineinander verketteten Verwirrspiels dreier verfeindeter Männer, die in einem spanischen Ehrenkodex finstere Wege zueinander finden, die Frauenfigur Elvira, nach anfänglichen Unsicherheiten bezaubernd und frisch verkörpert von der Sopranistin
Sylvia D’Eramo. Auch die andere Besetzung Libby Sokolowsky dürfe dieser Leistung in nichts nachstehen und einen zweiten Besuch wert sein.
Präsenzstark im Streit um die heiss Ersehnte hielten sich auch die von Elvira
ungeliebten Konkurrenten; Onkel Don Ruj Gomez de Silva. Verkörpert durch den finnischen Bariton Kristján Jóhannesson und Vincenzo Neri als Kopf der Räuberbande Don Carlos.

Verstrickungen
Bei der Uraufführung dieses Frühwerks, 1844 in Venedigs Teatro la Fenice aufgeführt, zählte Giuseppe Verdi 31 Lebensjahre und war bereits von familiären Schicksalsschlägen gezeichnet. Zwei Jahre zuvor hatte er mit "Nabucco" seinen Durchbruch erfahren, der ihn bis heute zu einem der meistgespielten Opernkomponisten macht.
Die literarische Vorlage für Ernani lieferte ihm Victor Hugo. Sie spielt in den Bergen Aragoniens. Im Zentrum steht dabei die Jungfrau Elvira als Opfer von unguten Verstrickungen zwischen drei verfeindeten Männern, von denen sie nur einen ins Herz geschlossen hat. Nämlich, den Banditen und Rebellen Ernani, ein verstossener Adliger, dessen Vater durch die Hand von Don Carlos sterben musste und deshalb Rache üben will. Mit eben dem, der zu allem Überfluss noch Elviras Onkel und späterer König ist, soll sie in Kürze verheiratet werden. Zu diesem Zweck hält sie
Don Ruy Gómez de Silva in seinem Haus gefangen. Doch auch er hegt Gefühle für die Angebetete und duelliert sich mit den beiden Rivalen. Ihr Ziel vor Augen, fügt sich Elvira dabei nur zum Schein in ihr Schicksal.


"Wir müssen uns trauen, den Schritt zu gehen. Wir müssen neue Worte erfinden und lernen. sie zu sprechen. Nochmal sprechen lernen. Eine andere Art des Sprechens. Eine neue Art der Sprache. Damit fängt es an."

Weitere Aufführungen bis zum 19. April 2024
Infos und Tickets

Carmela Maggi
21. Januar 2024

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Bildrechte: Theater St.Gallen