*VIVA LA MAMMA - Theater Winterthur | Oper und Kultur

Oper und Kultur

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*VIVA LA MAMMA - Theater Winterthur | Oper und Kultur

Theatralisches Inferno
Das internationale Opernstudio feiert seit mehreren Jahren ganz besondere Premieren am Theater Winterthur. Die jungen Nachwuchs-Sängerinnen und -Sänger durchlaufen die Feuerprobe mit einer eigens für sie aufgestellten Produktion. Mit "Viva la Mamma"
führt das Opernhaus Zürich, zusammen mit dem Internationalen Opernstudios ein "Dramma giocoso" auf. Aus den letzen, von Gaetano Donizetti hinterlassenen Bruchstücken zusammengewürfelt, entstand ein quirliges Puzzle zwischen Tragik und Amüsement.

Das Orchester des Musikkollegiums Winterthur darf an diesem Abend direkt aus dem Graben spielen. Was an anderen Häusern wegen der Pandemie nicht mehr möglich war, darf hier mittels Schutzmassnahmen wieder stattfinden. Die Bühnenakteure mögen den direkten Kontakt zum Musikalischen Leiter Adrian Kelly hochschätzen. Wenn auch an dieser Theater-Wiedereröffnung nur 50 Eintritte verkauft werden dürfen, so ist es immerhin ein Anfang.
Für die die zehn Nachwuchs-Protagonistinnen und Protagonisten des Internationalen Opernstudios ist heute jedenfalls eine erfolgreiche Premiere, die sie gleich nach der letzten Szene lautstark zu feiern wissen. Das sei ihnen nach dem grossartigen Einsatz herzlich gegönnt.



Teuflisches Puzzle
Von Donizettis Dramma Giocoso, das er 21 Jahre vor seinem Tod begonnen hat, blieben nur Bruchstücke liegen. Nach dem Libretto von Domenico Gilardoni verfasst Stephan Teutwissen eine musikalische Farce, die von der Schweizer Regisseurin Mélanie Huber auf amüsante weise frei adaptiert wird. Entstanden ist ein Puzzle aus verschollenen und bekannten musikalischen Bruchstücken des Komponisten, mit viel Rezitative und Schauspieleinlagen rund um Sitten und Unsitten des Theateralltags.

Knochendürr, in Pijama und Leichenblässe gekleidet, agiert Schauspieler Fritz Fenne als sterbender Komponist Gaetano Donizetti in der Mitte des Geschehens.
Aus Klang wird Staub und aus Staub wird Stille. Und die Stille ist aller Laster Anfang, sinniert er.

Übertreibung als Kommunikation
La Musica mahnt und inspiriert Gaetano. Führt ihn von Traum zu Wirklichkeit, beides fest ineinander verwoben. Katia Ledoux läuft in ihrer Rolle, anfangs zaghaft, im Laufe des Abends zur Hochform auf.

Es gilt also ei
ne neue Oper auf die Beine zu stellen. Damit steht die Ouvertüre von Sebastian Androne-Nakasishi mitten im Tohuwabohu eines szenischen Aufbaus mit Geläster und Ellenbogeneinsatz, dass einem ganz schwindlig wird.
Herrlich passend dazu die groteske Kostümierung von Lena Hiebel, die jede Exaltiertheit der Akteure perfekt unterstreicht. Denn auch hier gilt Übertreibung als probates Mittel zur Kommunikation.

Also werden jetzt die Rollen verteilt. Drei Traumgestalten, denen Gaetano die Posten des Poeten, Direktors und des Maestros verleiht. Sie haben den Teufel heraufbeschworen, dem der Komponist die Rolle der Mamma Agata zuteilt. Damit kürt er den Bock zur Gärtnerin. Unaufhaltsam reisst die Bühnenmutter das Ruder an sich und fordert Ordnung im Chaos. Andrew Moore zeigt in dieser Verkörperung sein Stimmspektrum vom Bass-Bariton bis hin zum Counter, als wäre es ein Kinderspiel.

Erdrückende Macht des Papiers
Als Primadonna der Sopran mit perfektionierter Technik und eiskaltem Blut. Einer Schlange gleich bahnt sie sich, gestützt vom penetranten Ehemann (Yuriy Hadzetskyy), ihren Weg an die Spitze.
Lina Dambrauskaité beherrscht die Szenerie mit perfekt geführten Koloraturen und Trillern, verspritzt ihr Gift gezielt mit jeder Note.
Und wehe, wenn der Komponist die versprochene Soloarie für den deutschen Tenor nicht einräumt. In den Händen den Vertrag anstelle der Partitur haltend, weigert er sich ein Duett mit Mamma Agata zu singen und will sofort vor Gericht ziehen.
Zum Glück schafft sich Mezzosopranistin Luigia (Siena Licht Miller) mitten im Tumult den Raum, um ihre hinreissend vorgetragene Arie zu schmettern. Für die Zuhörenden ein wahrer Genuss!


Wie erwartet laufen die Probe völlig aus dem Ruder, indem das Werk in ein infernalisches Sextett mündet. Auch das finanzielle Desaster und die Furcht vor den Kritiken und dem Konkurrenten Rossini bringen das Vorhaben zum kippen. Die Bühne von Nora Johanna Großer zeigt dazu die wahrhaft erdrückende Gewalt herunterfallender Papierrollen. Alles scheint sich gegen den Komponisten zu wenden, was ihm zur Belustigung der Kompanie die letzten Lebenskräfte kostet.

Weitere Aufführungen voraussichtlich bis zum 19. Mai 2021
Infos und Tickets

Carmela Maggi
8. Mai 2021



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