*OMAMA - Roman | Oper und Kultur

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*OMAMA - Roman | Oper und Kultur

OMAMA - Roman, Lisa Eckhart

Die Russen sind da!
Mit bitterbösen Kabaretts bekannt geworden, versetzt Lisa Eckhart ihren Debut-Roman «OMAMA» in die Nachkriegszeit der Fünfzigerjahre. Bereits in der vierten Auflage strotzen die Seiten, ganz wie erwartet, von «political incorrectness». Ganz so schlimm wird es diesmal aber nicht. Genial und wendig präsentiert sich der österreichische Schmäh randvoll mit allerfeinster Satire. Die weiblichen Romanfiguren bewegen sich, allen voran Grossmutter und Enkelin, zwischen den russischen Besatzern. Und das gar mal nicht so ungern.

Unkorrekt
Politische Korrektheit gehöre in die Politik, nicht in die Kunst, wettert sie in einem ihrer zahlreichen Interviews. Und wie recht sie damit hat!
Geistig wendig wie ein Aal, der sich von keinem Stereotyp packen und erst recht nicht in die Pfanne hauen lässt, veröffentlichte die 28-jährige Kabarettistin letztes Jahr ihren ersten Roman «OMAMA», der in der Zwischenzeit zum vierten Mal aufgelegt wurde. Darin erscheint Lisa Eckhart etwas gemässigter als in den skandalumwitterten Aufführungen.

Es sei dem Leser überlassen, ob er die Biografie als Hommage oder als Rufmord erachte, heisst es im Prolog. Minutiös arbeitet die Romanautorin das Leben im Dorf ihrer Grossmutter nach dem zweiten Weltkrieg auf, baut darin echte, aber auch erfundene Szenen und Dialoge ein.
Gleich einem Affen mit Kokosnüssen jongliert die Germanistin, heute überzeugte Nichtleserin, gekonnt und präzise mit der deutschen Sprache; «dagegen wirkt ein Gedicht von Rilke wie Tourette im Hurenhaus», lobt sie sich ungeniert. Vom österreichischen Schmäh durchtränkt, zeigt sich ihr Humor oft so tiefsinnig, dass es sich wie bei einer guten Lyrik lohnt, einige Pointen mehrmals zu überdenken.

Hartgesottene Matriarchinnen
"Sie war eine Matriarchin. Und die sind bekanntlich weniger damit beschäftigt, die Tränen ihrer Kinder zu trocknen, denn ihre Gatten zum Weinen zu bringen."

Unter den Augen der beiden Grossmütter, also der Muttermutter und Vatermutter, zappelt das Enkerl, «das nicht mehr ist, als strampelnde Fäkalien mit einer dünnen Schicht Säugling ummantelt», der eigenen Mutter jäh entrissen vor den todgeweihten Damen. Die stürzen sich auf das junge Leben, drohen es zu zerreissen und bedrohen in kulinarischer Kriegsführung mittels Zuckerdiät den Biorhythmus des Kindes so ernstlich, dass es an Missbrauch grenzt.
Wie praktisch für die Vatermutter, dass die Muttermutter wenige Tage nach der Geburt der Enkelin bei einem Autounfall mit Fahrerflucht ums Leben kommt, sie also damit zur einzig wahren Oma aufsteigt. Ob es wohl Absicht war?

Schreckgeschichten
Als die Enkelin und deren nicht ganz so gescheite Schwester im gebärfähigen Alter sind, fahren die, mit allerlei Schreckgeschichten behafteten, russischen Soldaten ins Dorf ein. Fesch schauen sie aus in ihren Uniformen. Und die klangvolle Sprache! Kochen können sie auch und benehmen tun sie sich grösstenteils recht anständig. Zu anständig für den Geschmack der Grossmutter, die ihre Enkelinnen (frische Gene hurra!) zum Beischlaf drängt.

"Die Soldaten sehen sich ein letztes Mal um und sind im Begriff, das Zimmer zu verlassen. Nein, nein, nein, wo wollen die hin, die feigen Sauhund, die verdammten? Sie haben es schon versprochen. Ist sie ihnen nicht fesch genug? Da waren sie jahrelang im Krieg, hatten jahrelang kein Mädchen, und dann wär sie nicht gut genug? Aber sie ist auch was wert, sie ist, was sie ist, nämlich die Erstbeste. Impotent wird er sein, das ist es! Das hat die Inge ihr erzählt, dass es so was geben soll. Wahrscheinlich hat man allen dreien im Krieg ihr Zumpferl weggeschossen. Der eine humpelt eh so gaudig."

Frei Schnauze!
Nein, die konsequent inkorrekten Texte sind sicherlich nicht jedermanns Sache. Decken sie doch in ihrer Genialität absolut schonungslos gesellschaftliche und politische Heuchelei auf. Schlag auf Schlag gräbt sich jedes Wort wie ein Maulwurf unter den ach so gepflegten Gedankenrasen. Eine hochgehende Granate jeder Fers, der zurechtgelegte Wahrheiten zunichte macht und dazu zwingt, alles neu zu sortieren.
Frei Schnauze wirft Lisa Eckhart auch als Kabarettistin nahezu jedes Thema über den Haufen und macht dabei vor gar nichts halt; Religion, Weltgeschichte, häusliche Gewalt, Pandemie, Mee Too, Antisemitismus, Rassismus, Pelztragen, Veganismus, Gendern, Kinderbücher und (Schreck lass nach!) schräge Sexualpraktiken.

Das alles schafft keine Freunde. Besonders nicht von denen, die ihre Kunst mutwillig missverstehen wollen. Von der einen Seite mit Preisen überhäuft musste sich Eckhart auf der anderen Seite mit Anfeindungen, Auftrittsverboten und nicht zuletzt mit der unfreiwilligen Instrumentalisierung durch eine rechte Partei Deutschlands auseinandersetzen. Sie nimmt es nonchalante: «Wie schiesst ihr schlecht!»

Humor bedingt Intelligenz
Ja, manch einer mag sich fragen, was hinter dem kurzhaarigen Blondschopf und den geschliffenen Manieren vor sich geht. Welches Gehirn solche Fantasien ausbrütet. Doch bei genauerer Betrachtung wird schnell klar, dass die Kabarettistin und Autorin gar nicht so weit suchen muss. Denn die Welt ist noch viel schlechter, als wir sie uns in den kühnsten Träumen ausmalen wollen.
In den Spiegel zu schauen, um darin persönliche und kollektive Scheusslichkeiten zu erkennen, sich damit zu versöhnen, gar darüber zur lachen, ist eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Aber ist es nicht genau das, was Humor bedingt? Nämlich Intelligenz und die Fähigkeit zur Reflexion?
Allerdings hinterlässt Eckhart auch einiges an Verwirrung. Denn nicht immer ist klar, welche der provozierenden Inhalte für bare Münze genommen werden können. Mit unerschütterlicher Schnelligkeit und Präzision wagt sie, die Lippen unschuldig gespitzt aus dem Versace-Outfit zwinkernd, die Ungeheuerlichkeit, über heikelste Tabus Witze zu reissen. An den schwärzesten Stellen kann selbst Hardcore-Satirikern das Lachen im Hals stecken bleiben.

Lisa Eckhart
In Österreich geboren wuchs Lisa, mit richtigem Namen Lasselsberger, bei ihren Grosseltern auf, damit ihre Mutter das Studium des Lehramts beenden konnte. Der legt sie bis heute alle ihre Werke zur Beurteilung vor.
Nach der Matura studierte Lisa Eckhart Germanistik und Slawistik an der Sorbonne Nouvelle in Paris, unterrichtete während eines Jahres in London. Doch selbst dort verstanden sie ihren schwarzen Humor nicht. Also so zog sie nach Berlin, studierte an der Freien Universität Berlin, legte Masterarbeiten zum Thema «Weiblichkeit und Nationalsozialismus, ausgehend von Joseph Goebbels’ Tagebüchern» vor und befasste sich in einer weiteren mit der Figur des Teufels in der deutschsprachigen Literatur.
Mit über zwanzig Vorsprechen scheitert sie an sämtlichen Schauspielschulen des deutschsprachigen Raums und beginnt schliesslich (was raus muss - muss raus) ihre Laufbahn im Poetry-Slam.
Heute lebt sie, «die Deutschen lieben mich, sie haben nichts dazugelernt», in Leipzig. Die Tage als Kabarettistin sieht sie für sich gezählt und plant, sich in Zukunft ganz dem Schreiben zu widmen.

Noch eine Leseprobe:
Die Menschen da draußen haben eine falsche Vorstellung davon, welch eine Kunst Justiz doch ist. Im Gerichtssaal geht es nicht darum, ob man gewinnt oder verliert. Meistens weiß man das am Ende auch gar nicht. Er gleitet wieder in den Sessel und schwenkt ein fiktives Cognacglas. »Ein Prozess ist wie ein Walzer. Mal führt der eine, mal der andre. Doch, mit Verlaub, selbst Sie, junges Fräulein, die Sie einer Welt entstammen, wo sich Fuchs und Has gut Nacht sagen, noch Mensch und Mensch den Schädel einschlagen, selbst Sie würden doch am Ende des Tanzes nicht fragen, wer gewonnen hat.«

Lisa Eckhart: „OMAMA", 2020, Verlag
Zsolnay
ISBN
978-3-552-07201-5

Auch als Hörbuch empfehlenswert, da von der Autorin selbst gelesen.
Weitere Infos

Carmela Maggi, 23. Juli 2021

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Bilder mit freundlicher Genehmigung des Verlags Hanser