I due Foscari St.Gallen | Oper und Kultur

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I due Foscari St.Gallen | Oper und Kultur

I due Foscari

Für das Flaggschiff der Festspiele St.Gallen, die Open-Air Oper "I due Foscari", haben die Organisatoren zum 10. Jubiläum das Unmögliche möglich gemacht. Kurzerhand wurde der Platz vor den Klostertürmen geflutet und ein Klein-Venedig geschaffen das sich wundersam in das vorhandene Ambiente einfügt. Sänger und Darsteller waten tapfer durch die Fluten und bieten eine Vorstellung der besonderen Art.

Mut zur Kälte Es ist kalt am Freitagabend der Premiere. So kalt, dass ein Wintermantel und Decken dem Publikum Wärme spenden müssen. Und auch das Bühnenbild spendet keine Wärme. Nebelschwaden, Wände und Schiffe mit grauer Patina überzogen bilden die Grundlage, auf der Verdis Polit-Drama "I due Foscari" inszeniert wird. Wer hier ein romantisches Venedig erwartet wird enttäuscht, denn die Oper funktioniert ganz ohne rührende Liebesszenen und touristischen Kitsch. Einzig Verdis komplexe und wirkungsstarke Musik erfüllt das Innere mit Glut, die von Wut, Erbarmen bis hin zur Machtlosigkeit schwankt.
Umgesetzt durch den Musikalischen Leiter Attilio Tomasello, Orchester, Solisten und Chor umspielt sie die Brutalität der Standesunterschiede. Auf dem Thron die von Leibwächtern skrupellos verteidigte Pracht der Dogen, zu ihren Füssen im fauligen Wasser stehend, das unterdrückte Volk. Darsteller und Sänger brauchen bei solchen Szenen nicht nur wasserfeste Kleidung, sondern auch eine gesunde Portion Mut um sich in den vorhandenen Gegebenheiten zurechtzufinden.


Zeitlose Politik
Dass eine Oper mit wenig Schnick-Schnack funktionieren kann zeigen Carlos Wager mit seiner Inszenierung zusammen mit Bühnenbildner Rifail Ajdarpasic und Kostümbildnerin Ariane Isabell Unfried. Sie erschaffen allem zum Trotz aus der schwierig zu gestaltenden Geschichte ein aussergewöhnliches Spektakel das in seiner Ausstattung zeitlos ist. Damit transportieren sie die politischen Geschehnisse von Gestern auf das Heute.

Alles im Griff
Das Theater St.Gallen positioniert sich dieses Jahr zum 10. Mal mit seinen Festspielen. Mit unbekannteren Werken, allesamt musikalisch so wertvoll, dass sie sich in jedem Fall lohnen, ausgegraben und aufgeführt zu werden. Attilio Tomasello hat in der akustisch schwierigen Situation der weitläufigen Bühne dank der Monitore und einem Team von Tontechnikern die jedes Jahr wahre Meisterleistungen vollbringen, alles im Griff. Sie schaffen es sogar mit den Glocken des Doms, die imposant in der Geschichte eingesetzt werden, markante Akzente zu setzen. Chor und Solisten immer synchron und im Takt, bei diesen Distanzen kein leichtes Unterfangen.

Was ist hier faul?

Nicht nur das Wasser ist hier faul, auch das Komplott bei denen Jacopo Foscari (Leonardo Capalbo) der Korruption und des Mordes verdächtigt wird, stinken zum Himmel. Selbst Francesco (Paolo Gavanelli), sein einflussreicher Vater, vermag ihn nicht zu retten. Die Tragödie, bei der Vater und Sohn Foscari am Ende Opfer der Gesetze der Reichen werden, lässt sich nicht mehr aufhalten. Nur Lucrezia, Jacopos Frau (Yolanda Auyanet) ist in ihrer Liebe die Leidende aber auch die einzige Gestalt die Trost zu spenden vermag.

Zwischen Kaft und Leichtigkeit
Paolo Gavanelli bildet mit königlicher Präsenz und schwerem, reifem Bariton das Zentrum um das sich alles dreht. Ihm gelingt es Kraft und Leichtigkeit die für einige Koloraturen unerlässlich sind gekonnt zu vereinen. Für Verdi wie geschaffen. Leonardo Capalbo kontert mit einem klangvollen und ungewöhnlich dunklen Tenor, passend für die Rolle des leidenden Foscari Junior. Auch Yolanda Auyanet umspielt als Lucrezia das geschehen mit ihrem klaren, brillanten Sopran. Nennenswert aber besonders die Leistungen von Levente Pall, als Jacopo Loredano, mit seinem tiefsitzenden in allen Tiefen klaren und sauber intonierten Bass sowie Riccardo Botta der die Rolle des Barbarigo mit sublimem Tenor ausfüllt.


Vielversprechende zweite Besetzung

Vielversprechend wird auch die zweite Besetzung sein die noch einmal am 27. Juni in den Rollen der Lucrezia Contarini und des Francesco Foscari zu erleben ist. Leo An, der koreanische Bariton, tenorig, fein und klar im Ausdruck sowie die britische Sopranistin Majella Cullagh. Ebenfalls ein grosses Talent, das sich in jedem Fall zu hören lohnt. In der Rolle des Jacopo Foscari wird der Tenor Derek Taylor seine unerschütterliche Stimmkraft zum Besten geben, und auch der stimmgewaltige Wade Kernot wird als Jacopo Loredano Levente Pall in nichts nachstehen.


Yolanda-Auyanet-als-Lucrezia-Contarini-Paolo-Gavanelli-als-Francesco-Foscari-und-Leonardo-Capalbo-als-Jacopo-Foscari-von-links-waehrend-der-Hauptprobe-I-der-Oper-I-due-Foscari-von-Giuseppe-Verdi-an-den-10
(Bildrechte: Tanja Dorendorf mit freundlicher Genehmigung des Theater St.Gallen)
Carmela Maggi 8. Juli 2015