Edgar - 13. St.Galler Festspiele | Oper und Kultur

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Edgar - 13. St.Galler Festspiele | Oper und Kultur

Zwischen Himmel und Hölle

Mit der Premiere von Puccinis "Edgar" beginnen Freitagabend die 13. St.Galler Festspiele vor ausverkaufter Tribüne. Tobias Kratzer ist zusammen mit Rainer Sellmaier ein aussergewöhnliches Spektakel gelungen, das die zauberhafte Musik und Poesie der Oper mit fantastischen Bildern unterstreicht. Orchester, Chöre, Statisterie und Protagonisten runden unter dem Dirigat von Leo Hussain die umjubelte Aufführung ab. Auch das Wetter spielt trotz unsicherer Prognosen mit.

Glaubenszweifel
Seit 13 Jahren macht sich das Theater St.Gallen zur Devise, in ihren Festspielen selten aufgeführte Werke auf dem Klosterhof aufzuführen. Zu Beginn steht dieses Jahr die Premiere der Oper
„Edgar“, die Giacomo Puccini zu Ferdinando Fontanas Libretto in einer Zeit der Selbst- und Glaubenszweifel schrieb. Der Komponist stand vor der Uraufführung seiner zweiten Oper 1889 an der Mailänder Scala vor einer familiären Krise, die ihn in seinem Glauben tief erschütterten.
Zweifel, die er auch seinem Werk „Edgar“ gegenüber hegte und das er in den darauf folgenden Jahren erheblich kürzte, bis er 1892 in Buenos Aires der jetzigen Fassung uraufführte.


Religiöse Fabelwelt
Für Tobias Kratzer scheint die Thematik geradezu prädestiniert um sie vor den Türmen der Kathedrale aufzuführen. Ist sie doch nahezu von einem Theologischen Diskurs geleitet.
Zusammen mit Ausstatter Rainer Sellmaier packt er seine Inszenierung in eine exakte Bühnenumsetzung von
Jan van Eycks „Genter Altar“ und lässt für Tigranas ausladende Feier fantastische Fabelwesen von Hieronymus Boschs „Der Garten der Lüste“ aus der Hölle steigen. Ein Treiben kirschgekröner Nymphen, rotbemantelten Zwerge, Schmetterlingen, Pfauen, nackten Rüsseltieren und nicht zuletzt den Geiern, alle Wesen von der Statisterie hervorragend verkörpert. Ein fantasievoll gestaltetes Spektakel also, durchdacht und zutiefst inspirierend in dem es auch dank der reichen Poesie des Librettos und imposanten Chorpassagen einiges zu entdecken gibt.
Leo Hussain hat dafür das sinfonische Zwischenspiel „Der Hexensabbat“ aus Puccinis erster Oper „Le Villi“ eingepasst.

Mittelalterliches Flandern
In den drei Akten bewegt sich Edgar (Marcello Giordani) zwischen zwei Frauen, als von Männern erschaffene Sinnbilder der Heiligen und der Hure. Fidelia (Katia Pellegrino) die Reine, Tigrana (Alessandra Volpe) die Durchtriebene, Verführerische und Verführbare.

"Von meinen Lippen trinke das Vergessen und meine Schönheit wird dir neue Wollust geben."

Flandern im Jahr 1302, eine Zeit in der die Flamen gegen den Machtanspruch Frankreichs ankämpfen. Fidelia das ungarisch-moriskische Findelkind, von den Dorfbewohnern aufgezogen, überreicht Edgar einen Palmzweig als Zeichen Ihrer Liebe. Edgar, nur ein einfacher Mann, macht sich Gedanken, weil ihn die Zuneigung Fidelias nicht mehr befriedigt. Er wirft ein Auge auf Tigrana die auch von Frank (Evez Abdulla) umworben wird, wehrt sich aber gegen sein Begehren und schiebt die Schuld Tigrana zu. Verführerisch und von Geiern geleitet lässt sich die Schöne nichts gefallen. In Ihrer Nacktheit im Brunnen plantschend macht sie sich über die Liebesszene des jungen Paars und gar über die Heilsversprechen der Kirche lustig. Als das Dorf sie deswegen mundtot machen will, stellt sich Edgar schützend vor Tigrana. Frank hält in seiner Eifersucht das Paar auf, so dass Edgar seinen Freund in einem Zweikampf verwundet und mit Tigrana in eine freiere Zukunft aufbricht.

Tigrana feiert daraufhin ein Fest der Ausschweifungen, was Edgar missfällt. Er wirft ihr vor, das Wort Liebe entweiht zu haben. Sie verhöhnt seine Feigheit. So entwickelt sich ein Streit zwischen den beiden, bis sich unter Pauken und Trompeten die Ankunft einer Truppe Soldaten ankündigt, mit Frank als Anführer. Edgar versöhnt sich mit seinem Freund und schliesst sich ihm an.

Nach der gewonnenen Schlacht von Coutrai beklagen die Soldaten den Verlust Edgars. Der nämlich heckt einen grausamen Plan aus und inszeniert seinen eigenen Tod um Tigrana zu prüfen. Doch die lässt sich mit Hilfe der Mönche vom Glanz des Goldes verführen und ist schliesslich bereit Edgars Ruf zu verraten.

Einzig Fidelia, die ihren Geliebten gegen die Trauergemeinde verteidigt, geht als getreue Geliebte hervor.

"Ade mein Geliebter! Warte auf mich in der Schattenwelt. Wo Grausamkeit regiert, kann die Jugend nicht mehr Blühen."

Starke Solistinnen und Solisten

Katia Pellegrino als herausragende Protagonistin und nicht nur vom Theater St.Gallen viel gebucht, macht auch aus der Rolle der Fidelia wie erwartet eine gefühlvolle Besonderheit. Auch wenn sich ausser bei den Trauerszenen wenig melodiöse Arien für die Rolle anbieten, die das Können der Sopranistin zur Geltung bringen. Alessandra Volpe steht ihrer Bühnen-Gegenspielerin in nichts nach. Die beiden Sängerinnen der Italienischen Schule entführen mit Spiel und raumausfüllenden Stimmen das Premierenpublikum in die religiöse Fabelwelt. Auch Marvello Giordani und Evez Abdulla zeigen sich als männliche Gegenparts souverän. Gemeinsam mit 5 Chorvereinigungen und dem Sinfonieorchester St.Gallen bieten Sie nicht zuletzt dank ausgezeichneter Ton und Bühnentechnik ein unvergessliches Vergnügen für Seele und Ohr.


13. St.Galler Festspiele.
Vorstellungen vom 29. Juni bis 13. Juli 2018
Infos und Tickets

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Carmela Maggi
29. Juni 2018