Boris Godunow-Opernhaus Zürich Copy | Oper und Kultur

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Boris Godunow-Opernhaus Zürich Copy | Oper und Kultur

Grosse Töne

Nach der Pandemie-Krise eröffnet das Opernhaus Zürich die neue Saison mit Mussorgskis Oper „Boris Godunow“. Um die Aufführung trotz Hygieneregeln möglich zu machen, haben sich die Verantwortlichen einiges einfallen und vor allem kosten lassen. Das voll maskierte Publikum dankt es mit Standing Ovations.

Genialer Autodidakt
Als Dreissigjähriger verfasste Modest Mussorgski seine Oper nach Puschkins Tragödie und eigenem Libretto. Als Autodidakt, von Zeitgenossen belächelt und verspottet, schaffte er eigenständige Werke, darunter fünf Opern, die in der westlichen Welt leider recht selten gespielt werden. Höchstens seine Klavierreihe „Bilder einer Ausstellung“ dürfe einigen bekannt sein.

Reich an Rezitative (Parlando-Stil), kommt „Boris Godunow“ in seiner zweiten Fassung von 1872, ganz ohne Ohrwürmer aus. Seiner Zeit voraus, verlässt der Komponist mit seinen Werken damals schon die Epoche der Romantik. Mit traditionellen und orthodoxen Musikelementen bringt er dennoch hörenswerte Chorpassagen hervor. Typisch bleiben bei all dem die Schwermut und Melancholie, die das harte Leben des russischen Volkes widerspiegelt.

Not macht erfinderisch
Das Opernhaus Zürich gibt der Saisoneröffnung nach der Pandemie-Krise mit Mussorgskis Oper einen würdigen Rahmen. Halbe Sachen mit abgekürzten und unzählig bearbeiteten Fassungen haben hier keinen Platz. Nein, das gesamte Werk in Originalsprache musste es sein, inklusive der sonst üblicherweise herausgestrichenen Polen-Szene. Bei einer Spieldauer von fast vier Stunden tut das Haus gut daran, zwei Pausen einzubauen.

Um den Auflagen des Bundesamtes für Gesundheit gerecht zu werden, werden nur 900 von 1100 Plätzen besetzt werden. Da aber die Distanz nicht gewahrt werden kann, gilt auch für das Publikum Maskenpflicht.
Auf der Bühne bewegen sich lediglich Protagonisten, Statisten und die Puppenspieler für die sprechenden Bücher auf der Bühne. Unter der Leitung von Kirill Karabits spielen und singen das Orchester und der mit Zuzügern aufgestockte Chor einen Kilometer weit entfernt live aus dem Probesaal am Kreuzplatz.
Eine Viertelmillion hat sich das Haus den technischen Zusatzaufwand kosten lassen, um den Ton mit Lichtgeschwindigkeit aus Orchestergraben und Bühne, synchron mit den Solistinnen und Solisten, erklingen zu lassen.

Regiekniffe
Die Energie des Orchesters fehlt dennoch im dunkeln Graben, unterstreicht aber die geisterhafte Inszenierung von Barrie Kosky.
Der Regisseur erzählt die Zeitgeschichte, indem er den Studenten (Spencer Lang) wie Alice im Wunderland durch das Kaleidoskop zurechtgeschusterter Wahrheiten begleitet. Mit vollem Mimik- und Körpereinsatz ist er einmal Bücherwurm, stiller Beobachter oder gar Zarensohn und zuletzt übergeschnappter Zerstörer der endlich alles klar sieht. Besser könnte es die Schlusszene mit der gigantischen Zarenglocke nicht veranschaulichen.
Stets hin- und hergerissen von gegensätzlichen Aufzeichnungen wendet er sich einmal Zar Boris, dann dessen Widersachern zu, die schon eifrig an dessen Thron sägen.

Die Szenerie beginnt in einem verstaubten Archiv, gestaltet von Bühnenbildner Rufus Didwiszus. Hier liegen klappernde und plappernde Bücher neben den Kunstwerken, sauber aneinandergereiht, verpackt und nummeriert. Sie mahnen an die Bedeutungslosigkeit am Ende aller höfischen Intrigen. Wie wir alle wissen, wurde letztlich alles von der kommunistischen Bewegung verschluckt.
In der Allegorie karg und grau zeigen sich deshalb auch die Szenen nach dem „Polenakt“, die quasi in Memoriam, die vergangene Goldpracht an Wänden und Möbel widerspiegeln. Starke Bilder wurden hier geschaffen, die wohl keinen unberührt lassen dürften.

Dem Wahnsinn verfallen
Nach der Tötung des rechtmässigen Thronfolgers manipuliert Boris Godunov mit gespieltem Widerwillen das Volk und erwirkt damit die eigene Krönung.
Er kann diese Macht aber nicht auskosten. Für ewig klebt ihm Blut des Kindes an den Fingern. Hin-und hergerissen zwischen Skrupellosigkeit und Selbstzweifeln wird er vom Geist des Knaben verfolgt, zerbricht an seinem Wahn und plant, die Regentschaft seinem Sohn Fjodor zu übergeben.

Wie ein kreisender Geier nutzt Pimen (Brindley Sherratt) die mentale Schwäche des Zaren. Eifrig schreibt er an seiner Belarus-Chronik und überzeugt den jungen Mönch Grigori (Edgaras Montvidas), der gleich alt ist wie der ermordete Dimitri, dessen Identität anzunehmen.
Aber auch Marina, der Gregori hoffnungslos verfallen ist, hat nur die Krone im Sinn. Von Pimen getrieben lässt sie Grigori anfangs am langen Arm verhungern. Ihr kaltes Spiel treibt sie aber nur solange, bis Gregori erschrocken von ihrer Machtgier zurückweicht. Das nachfolgende Liebesspiel verfolgt Pimen siegessicher an seinen Törtchen saugend.

Grosse Klasse
Michael Volle besetzt die Titelrolle auf ideale Weise. Mit ungewöhnlich wandelbarer Stimme übermittelt er alle Gefühlsspektren, überzeugt aber auch mit intensivem Spiel. Ein wahrer Kraftakt, der ihm beim Schlussapplaus deutlich anzusehen ist.
Doch auch die weiteren Protagonistinnen und Protagonisten stehen Volle in nichts nach.

Brindley Sherratt, der als Pimen zwar nicht den in russischen Opern gewohnten schwarzen Bass schmettert, vermag im Gegenzug mit lyrischen Feinheiten in den Höhen zu überraschen.
Oksana Volkova als Marina verwöhnt das Publikum mit raumfüllendem Mezzo und spritziger Darstellung. Auch Edgaras Montvidas als falscher Dimitri und die weiteren Solistinnen und Solisten bieten exzellente Gesangskunst.
Ein besonderes Kränzchen zu binden gilt es Mika Manione aus dem Tölzer Knabenchor, in der Rolle des Fjodor, der tapfer mit Orchester und Solisten mitzustreiten vermag.


Weitere Aufführungen bis zum 20. Oktober 2020
Infos und Tickets

Carmela Maggi
26. September 2020


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