Norma - Opernhaus Zürich | Oper und Kultur

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Norma - Opernhaus Zürich | Oper und Kultur

Norma ganz anders

Das Opernhaus Zürich präsentierte in seiner Premiere eine Gastspielproduktion, die seit der ersten Aufführung 2013 an den Salzburger Pfingstfestspielen auf Europa-Tournee ist. Bellinis Norma gilt als eine der bekanntesten und meistgespielten Opern. Gerade deshalb war es Cecilia Bartolis innigstes Anliegen gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Giovanni Antonini etwas Neues und zugleich Altes zu erschaffen. Diese Annäherung an den Ursprung der Komposition erlaubt es, sich endlich von den immer absurder werdenden Darstellungen der Titelfigur à la Callas zu verabschieden.
Rebellion gegen die Besatzer.


Bei Bellinis Premiere an der Mailänder Scala sangen die Italiener, die damals im Zuschauerraum sassen, die Chorpartie „Guerra Guerra“ mit und demonstrierten den österreichischen Besatzern damit ihre Kampfbereitschaft. An diese Geste der Rebellion knüpfte das Regie-Paar Moshe Leiser und Patrice Caurier ihre Inszenierung. Sie versetzen die Handlung in das Frankreich der Vierziger Jahre. Eine geglückte Herausforderung, die keinerlei Längen zuliess und zugleich in ihrem szenischen Tempo so zurückhaltend gestaltet ist, dass sie allen Gesangspartien Raum gibt und zugleich in den Vordergrund rückt. So darf man sich hier und da erlauben, die Augen zu schliessen, um sich ganz der Musik hinzugeben.

Das Simple erlaubt den Ausdruck der Facetten
Giovanni Antonini erschafft als Musikalischer Leiter, gemeinsam mit dem „Orchestra La Scintilla“, das den Einsatz von Barocken Instrumenten erst ermöglicht, starke Kontraste. Diese lassen sowohl die stilleren, als auch die dramatischen Sequenzen durch Mark und Bein fahren. Feinheiten in der Orchestrierung, die ganz ohne die üblichen Rallentandi und Accelerandi auskommen, erlauben denn auch die meistens herausgestrichenen mehrstimmigen Partien wieder einzufügen. Klar dass die puristische Klangform, die den Schwerpunkt auf präzise Artikulation setzt, zur untermalenden Begleitung wird. Genau wie die Inszenierung stellt diese den Gesang und die Komposition mit den „Melodie lunge, lunge, lunge“ in den Vordergrund. Und die Artikulation ist wie versprochen tatsächlich auffallend exakt. Nicht nur bei den Solisten, insbesondere John Osborn als Pollione, sondern auch, und viel schwieriger zu realisieren, beim Chor. Das erlaubt den sprachkundigen Zuhörern mühelos die poetischen Phrasen zu verstehen, so dass die Übertitelung selten oder gar nicht zu Hilfe genommen werden muss. Der „Coro della Radiotelevisione Svizzera Italiana aus Lugano“ brilliert als Gastchor mit sauber aufeinander eingestimmten Harmonien und lebendigem Bühnenspiel.


Weg in die Stille
Vincenzo Bellini hat mit seiner Oper zu seiner Zeit eine revolutionäre Form der Musik geschaffen. Seine zauberhaften und zugleich simplen Melodien, die nie zu enden scheinen und sich nahtlos von der einen Szene in die nächste, von einer Arie in die andere fügen, machen sein Werk bis heute zu einem der meistgespielten auf der Welt. Er erschuf mit der Norma, die gesanglich allerhöchste Anforderungen setzt, ein neues Stimmfach. Maria Callas hatte lange Zeit die Titelrolle an der New Yorker Met, in den letzten Jahren nur noch widerwillig und bis zum Abwinken gesungen. Bis sie letztlich ihre Stimme verlor und daran zerbrach. Seit der Primadonna Giuditta Pasta der Bellini die Titelpartie quasi auf den Leib geschrieben hat formte sich aus der vielschichtigen Rolle der Seherin Norma immer mehr eine Priesterin von übermenschlicher Gestalt.Später in ihrer zahllosen Nachahmung, begleitet von immer gewaltiger werdenden Breitbandorchestern der Moderne, führte dies zu Selbstdarstellungen von Primadonnen des hochdramatischen Stimmfachs, die die Rolle immer absurder erscheinen liessen. Stellt sich die Frage, ob Richard Wagner selbst, der die Oper mit Fleiss, übrigens auch in Zürich, aufgeführt hat, für diese Entwicklung massgebend war.


Gegen den Strom hin zur Quelle
Wer gegen den Strom schwimmt, bewegt sich zurück zur Quelle. Und genau das ist es, was Cecilia Bartolis Arbeit so einzigartig macht. Ihr innigstes Anliegen ist es Bellinis ursprüngliche Charaktere wieder herauszukristallisieren. Hierbei lehnt sie sich an die erste wahre Diva am Opernhimmel, die französische Sängerin Maria Malimbran, der sie in den letzten Jahren intensive Recherchearbeit gewidmet hat. Die wahre Titelrolle als Seherin erfordert demnach nicht nur in Musik und Dramatik äusserstes Fingerspitzengefühl, sondern auch eine grosse Bandbreite und Beweglichkeit der Stimme. Allerhöchste Anforderungen, mit denen Bartoli mühelos zu spielen scheint. Mit den reichen Koloraturen, in die sie ganz nach der Tradition des Belcanto eigene Interpretationen webt, bewegt sie sich absolut fehlerfrei und sicher zwischen die höchsten und tiefsten Regionen der Skala. Aber die Technik allein macht es nicht aus. Denn auch die Kunst, das Publikum emotional zu packen, beherrscht die Sopranistin als eine der Wenigen ihres Fachs und macht das schier Unmögliche möglich: Nämlich einen Saal bis in den letzten Winkel auch pianissimo mit Emotion zu erfüllen. Das Publikum war deshalb besonders nach der Arie „Casta Diva“, in der Norma die Mondgöttin anbetet so mitgerissen, dass der Beifall nicht mehr abreissen wollte.

Wer das Glück geniessen darf, diese Ausnahmekünstlerin live auf der Bühne zu erleben, merkt, dass sie ihren Weltruhm zurecht erworben hat. Doch auch Ihre Bühnenpartner stehen ihr in nichts nach. Allen voran John Osborn setzt mit Stimme und Artikulation klare und zugleich differenzierte Akzente. Rebeca Olvera gelingt es in der Rolle der Adalgisa die von Bellini gewünschte Jugend mit zauberhafter Natürlichkeitauszudrücken. Liliana Nikiteanu, seit 1991 im Opernhaus Zürichengagiert, passt sich mit sanfter Altstimme perfekt in die Rolle der Amme Clotilde ein. Ebenso klangsicher die beiden namhaften Interpreten Péter Kálmán und Reinaldo Macias.

Querschnitt durch die Handlung

Widerstandskämpfer der Druiden haben sich an einem geheimen und heiligen Ort versammelt, um die römische Besatzungsmacht anzugreifen. Sie warten bei Mondaufgang auf die Seherin Norma (Cecilia Bartoli), um aus ihrem Munde den Rat des Kriegsgottes zu erfahren. Römischer Prokonsul Pollione (John Osborn) und heimlicher Geliebter Normas schleicht sich mit seinem Vertrauten Flavio (Reinaldo Macias) in den Wald der Druiden. Dabei erzählt er ihm, dass seine Liebe zu Norma mit der er zwei Kinder hat erkaltet ist. Er habe sich stattdessen in die junge Priesterin Adalgisa (Rebeca Olvera) verliebt. Während er sich brüstet, warnt ihn Flavio vor der tödlichen Gefahr und fällt den Druiden zum Opfer während Pollione sich versteckt.


Norma wendet sich gegen einen Aufstand indem sie sich darauf beruft, das Schicksal Roms zu kennen, das sich durch seine eigene Verderbtheit zugrunde richten würde. In einem gemeinsamen Ritual beschwört sie die Mondgöttin, solange den Frieden zu erhalten bis die Zeit zum Angriff gekommen ist. Hintergrund ihrer Friedensbemühungen ist es jedoch Pollione zu schützen. Ihn verflucht sie aber als sie entdeckt, dass er in Adalgisa verliebt ist und vor hat sie zu entführen und zu seiner Frau zu machen.

Adalgisa, zwischen Pflicht und Liebe hin- und hergerissen, weiss nichts vom Bündnis der Seherin mit Pollione. Deshalb hofft sie auf den Segen Normas, den diese ihr nichtsahnend gewährt bis beide durch Zufall die Wahrheit entdecken. Um ihren Kindern das Schicksal als Opfer ihres eigenen Volks oder als Sklaven in den Händen der Besatzer zu ersparen, nimmt sich Norma vor, sie zu töten. Auch um sich an Pollione zu rächen. Sie bringt es jedoch nicht übers Herz. Also bittet sie Adalgisa die Kinder mit Clotildes Hilfe an der Seite Polliones aufzuziehen, was ihr Adalgisa jedoch verweigert. Währenddessen spitzt sich die politische Lage zu. Die Kämpfer wollen endlich losschlagen, erfahren von Orovesto aber, dass ein noch gefährlicherer Heerführer Pollione nachfolgen würde. Als Norma erfährt, dass Clotilde bei Adalgisa und Pollione nichts ausrichten konnte gibt sie das Zeichen zum Angriff. Doch vorher will sie Pollione opfern. In einem Akt der gnadenvollen Liebe ergibt sie sich schliesslich selbst, um mit ihm im Tode vereint zu sein.

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Carmela Maggi 12. Oktober 2015