Csárdásfürstin-Opernhaus Zürich Copy | Oper und Kultur

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Csárdásfürstin-Opernhaus Zürich Copy | Oper und Kultur

Liebeskampf im Weltuntergang

Ein bisschen Klamauk muss sein! Auch in bitteren Corona-Zeiten zeigt das Opernhaus Zürich mit der Premiere von Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“, wie sich Amüsement der Oberschicht durch die Schlauheit der Unterschicht ankratzen lässt. Ein sozialkritisches Werk mit gehörig Augenzwinkern, unter der Leitung von Jan Philipp Gloger, der seiner Umsetzung einiges in Kauf nehmen musste.

Mit Moses auf der Titanic
Am Freitag den 13. März mussten die Proben, aufgrund der Pandemie-Auflagen des BAG plötzlich abgebrochen werden. Ominös auch die Zeilen, die zuletzt geprobt wurden: «Weisst du, wie lang noch der Globus sich dreht, ob es nicht morgen schon zu spät». Da fällt einem doch nur noch die Tragödie „Titanic“ und dessen letzter Choral „Näher mein Gott zu dir“ aus Genesis dem Buch Mose ein.
Gloger folgte für seine Inszenierung beiden Ideen. Als er die Proben kurz vor Saisoneröffnung wieder aufnehmen durfte, musste er allerdings einige Pläne über den Haufen werfen.
Da er jetzt den Chor, zusammen mit dem Orchester, nur noch klanglich, einen Kilometer entfernt aus dem Proberaum am Kreuzplatz zur Verfügung hat, sorgt er mit der Ballett-Truppe, eingekleidet von Karin Jud, für den unverzichtbaren Trubel. Als ernannte Infektionsgruppe dürfen die nahezu alles und bringen als Crew, Prostituierte, Folkloregruppe, Tierpaare der Arche und zuletzt als ertrinkende Aliens, ordentlich Leben in die Operette. Ob sie als Mutanten auf dem Meeresgrund überleben werden, mag sich der Eine oder Andere beim letzten Akt wohl fragen.

Social Distancing der Oberschicht
Dank der imposanten Konstruktion einer Luxusjacht mit Taufnamen „Csárdásfürstin“, setzte Franziska Bornkamm Protagonisten und Tanzgruppe kurzerhand in die abgeschirmte Umgebung der Hochsee. Social Distancing für Reiche sozusagen. Dass die Geschichte für die Crew dann nicht so gut ausgeht, ist anhand der Leitbilder vorauszusehen. Übergehend in die biblische Geschichte von Noahs Arche hat der Verlauf auch nicht viel mehr Hoffnung im Proviant.
Trotz allem wird an diesem Abend mit der Fantasie des Publikums gespielt, was das Zeug hält. Ganz nach dem Schlager-Motto „ein bisschen Spass muss sein!“ Ein bisschen Klamauk wohl eher, der wie ein Zuckerguss den bitteren Kern eines Mandelkonfekts überdeckt.

Wienerisch mit echter Tragik
Dirigent Lorenzo Viotti führt Orchester, Chor und SolistInnen durch Emmerich Kalmans, 1915 in Wien, uraufgeführte Operette. Dabei trägt er die distinguierte Regie mit, indem er die ausgelassenen Momente wienerisch beschwingt und die tragischen Szenen ernstgemeint auszudrücken vermag.
Anette Dasch bekleidet die Titelrolle der Sylivia Varescu mit unbewohntem Aspekt. Unschuldig und bodenständig bringt sie ihren ungarischen Pfeffer zwischen die Eheleute Edwin (Pavol Breslik) und die Comtesse Stasi (Rebecca Olvera). Edwin, hin und hergerissen zwischen neuer und alter Liebe, Geld und Armut, lässt das Herz siegen. In Spanisch ordentlich fluchend treibt es Stasis Verzweiflung ausgerechnet in die Arme des Lebemannes Boni (Spencer Lang), der durch die deluvischen Umstände plötzlich geläutert zu sein scheint. Zwischen all dem Treiben Martin Zysset als lebenserfahrener Feri. Mit betont schweizerischem Akzent bringt er Klarheit in die Verwirrung und gibt als Sahnehäubchen mit dem Handörgeli eine eingebaute Corona-Parodie zum Besten. Angesichts des drohenden Weltuntergangs ist alles halb so wild!

Weitere Aufführungen bis zum 11. Oktober 2020
Infos und Tickets

Carmela Maggi
4. Oktober 2020



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