Le Cid - 12. St.Galler Festspiele | Oper und Kultur

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Le Cid - 12. St.Galler Festspiele | Oper und Kultur

Festspielreise auf die Iberische Halbinsel
Bei strömendem Regen läuteten letzten Freitag die 12. St.Galler Festspiele mit der Oper Le Cid ein, die bis auf den letzten Platz ausverkauft waren. Die in Pelerinen eingepackten Zuschauer hielten sich aber hartnäckig und verfolgten gebannt Musik und Inszenierung der weithin unbekannten Oper bis zum letzten Takt.

Nein, ein zirkusgleiches Spektakel, wie sie die Bregenzer Festspiele darbieten, ist es nicht. Da heben sich dieses Jahr die St.Galler Festspiele mit der Opernaufführung von Massenets Le Cid mehr denn je vom gängigen Trubel ab. Und das nicht nur in der Wahl der Oper sondern auch mit ihrer zurückhaltenden Inszenierung, die den Fokus ganz auf die Musik unter der Leitung von Modestas Pitrėnas, die grossartigen Solo-Stimmen und die Kostüme von Eva Krämer lenken. Etwas für die feineren Gemüter also.

Ja, etwas spartanisch erscheint sie schon auf den ersten Blick. Die Bühne, entworfen von Alfons Flores mit den zwei Türmen aus Baugerüsten, die sich gleichsam wie Schachfiguren hin und herschieben lassen und einem Roten Teppich in der Mitte, der die beiden Familien trennt und zugleich vereint. Regisseur Guy Joosten hat in seiner Inszenierung auf die Balletteinlagen verzichtet, die sonst unverzichtbar und typisch für Massenets Opern sind. Er erzählt die Geschichte in verbleibenden vier von ursprünglich fünf Akten.

Statt dessen hat er zusammen mit Marco Filibeck und Franc Aleu kurzerhand die Kathedrale zur Kulisse gemacht und bietet eine einzigartige Lichtshow. Die eindrücklichen Projektionen lassen die Klostertürme nach Belieben mitleben, zerfallen, verschwinden und bis nach Santjago de Compostela reisen. Damit knüpfen die Bühnenbildner an den Jakobsweg, auf dem St.Gallen eine wichtige Station darstellt.


Die Geschichte führt also auf die Iberische Halbinsel, damals von Mauren regiert. Dieses Jahr Thema der Festspiele. Jules Massenets Oper knüpft aber nicht notwendigerweise an den kastilischen Kriegsherrn El Cid an, der im 11. Jahrhundert gelebt haben dürfte, und als Verteidiger des Christentums gefeiert, zum Nationalhelden wurde. Politische und religiöse Hintergründe lässt Massenet in seiner Darstellung weg und konzentriert sich auf das Zwischenmenschliche. Mit seiner Musik befindet sich der Komponist bereits in einer Mischung zwischen Klassik und Moderne. Die Passagen sind kunstvoll instrumentiert. Die Kantilenen verfügen jedoch über viel Rezitative und nur wenig eingängige Arien.

Chimène (Mary Elizabeth Williams) offenbart ihre Liebe zu Rodrigue (Stefano La Colla), der vom König (Tomislav Lucic) zum Ritter geschlagen werden soll. Chimènes Vater Comte de Gormas (Kevin Short) verteidigt diese Entscheidung vor den Höflingen, weil er sich dadurch Vorteile als Prinzenerzieher verspricht. In seiner Euphorie gibt er dem Paar seinen Segen. Auch die kastilische Infantin Doña Urraque (Evelyn Pollock) ist in Rodrigue verliebt. Sie gesteht Chimène ihre Liebe, gibt diesen aber wegen unüberbrückbaren Standesunterschieden an sie frei.

Bei der Zeremonie ernennt der König Rodrigues, Vater Don Diègue (Levente Páll), zum Vormund seines Sohnes. Gormas, in seiner Ehre tief gekränkt, schlägt den Vorschlag des Königs aus, die beiden Familien mit der Hochzeit des Liebespaares zu vereinen. Diègue fordert von seinem Sohn, Gormas zu töten und dadurch die Familienehre wiederherzustellen. Hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Chimène und seiner Pflicht gegenüber seinem Vater beschliesst Rodrigue, Gormas zu töten.

Infantin Evelyn Pollock gleicht mit ihrem geschienten Bein und dem gelbem Kleidchen einer gläsernen Puppe. Zart und durchscheinend, aber keineswegs zerbrechlich sind auch ihre Stimme und ihr Spiel, mit der sie ihre Rolle perfekt verkörpert.

Mary Elizabeth Williams bietet dazu den Gegenpol, der voll im Leben steht. Mit ihrer Körpergrösse und der grandiosen Stimme ist sie geradezu prädestiniert für eine Freilichtbühne. Warm und voller Facetten durchdringt sie die nasse Kälte und trifft damit mitten ins Herz des Publikums. Kevin Short kann als Vater mit Mary Elizabeth Williams gesanglich mithalten und erweist sich deshalb als ausgezeichnete Wahl.
Genauso das Ausnahmetalent Stefano La Colla, der dabei ist, sich zu einer internationalen Grösse zu mausern. Zu recht! Als Rodrigue verleiht er, durch seine hinreissende Stimme, selbst den eher simpel anmutenden Passagen Charakter und Tiefe. Auch Levente Pàll überzeugt als Widersacher Diégue wie gewohnt durch seinen klaren, sicheren Bass. Sichtlich erschlankt bleibt er mit seiner Stimme selbst hinter der Maske, die ihn zur Unkenntlichkeit verwandelt, einzigartig und unverkennbar.


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(Bildrechte: Tanja Dorendorf mit freundlicher Genehmigung des Theaters St.Gallen)
Carmela Maggi 26. Juni 2016