La Gioconda - St.Gallen | Oper und Kultur

Oper und Kultur

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La Gioconda - St.Gallen | Oper und Kultur

Rosenkranz zwischen Macht und Leidenschaft

Rosetta Cucchi präsentiert in der Premiere vom Samstag Ponchiellis "La Gioconda". Fern von stilisiertem Kitsch, setzt die Regisseurin die Hauptfigur in die Umgebung des zweiten Weltkriegs und lässt die Hauptfigur die ganze Palette zwischen Leidenschaft und Kampfbereitschaft ausleben. Im krassen Gegensatz zu Giocondas Anständigkeit stellt Cucchi in unerträglichen Gewaltszenen auch die dunkelsten Facetten der Menschheit dar. Nicht ohne heftigen Widerstand des Publikums.

Rosetta Cucchis Inszenierung des "Rigoletto" zeigt bereits, dass die Regisseurin keine Liebhaberin von oberflächlichen und süsslichen Darbietungen ist. Eine Strassensängerin in Venedig? Das geht auch anders! Als Konzertpianistin spielt sich Cucchi die Oper immer erst selbst vor, um damit eigene Bilder entstehen zu lassen. Und auch für die "Gioconda" erschafft sie, zusammen mit Bühnenbildner Tiziano Santi und Kostümbildnerin Claudia Pernigotti, eine grandiose und bewegende Szenerie, die von Anfang bis zum Schluss mitreisst und die Musik Ponchiellis perfekt untermalt.


So sieht sie die Gioconda als bodenständige Frau und setzt die Szenerie kurzerhand in das Venedig des zweiten Weltkriegs. Sie lässt die, trotz massiver Kürzungen immer noch dreistündige Oper mit einer alten Marktfrau in der heutigen Zeit beginnen. Diese will der vorbeigehenden Touristin alles, nur nicht diesen einen Roten Mantel verkaufen. Die Marktfrau ist Laura. Sie erzählt der Touristin die vor vielen Jahren stattgefundenen Geschehnisse um den Mantel. Beginnend mit einer Vierecks-Geschichte.

Atto primo - Feste e pane/Brot und Feste

Barnabas (Paolo Gavanelli ), ein Spion, begehrt die Strassensängerin Gioconda (Katrin Adel). Diese wiederum liebt Enzo (Stefano La Colla). Enzo liebt Laura (Nora Sourouzian) und Laura ist verheiratet mit Alvise Badoero (Ernesto Morillo), einem venezianischen Herrscher. Enzo, aus politischen Gründen verbannt und unter falschem Namen in Venedig, ist auf der Suche nach Laura. Während einer traditionellen Regatta will sich Barnaba für die Zurückweisung Giocondas rächen, indem er Giocondas Mutter La Cieca/Die Blinde (Susanne Gritschneder) verleumdet. Er bringt die Menschenmenge (Chor des Theater St.Gallen und Opernchor) so weit gegen sie auf, dass sie die Cieca töten wollen. Laura, die mit Alvise auf den Plan tritt, sieht die Cieca mit einem Rosenkranz in den Händen und erkennt dadurch ihre Unschuld. Sie bringt Alvise dazu, die Blinde zu retten. Zum Dank schenkt diese Laura ihren Rosenkranz. Barnabas schmiedet jedoch weiterhin an seinen Racheplänen. Er arrangiert für Enzo ein Treffen mit Laura, verrät dies jedoch gleichzeitig Alvise.

Atto secondo - Erbitterte Konkurrentinnen werden zu Verbündeten

„Cielo e Mar!“ Enzos Arie, von einem Ausnahmetalent wie Stefano La Colla vorgetragen, erinnert mit seinem Tenor in Klarheit, Emotion und Tiefe an einen Domingo. Laura und Enzo, in einer eindringlichen Liebesszene zusammengefunden, beschliessen die Flucht und begeben sich auf ein Schiff. Gioconda, die Barnabas dabei beobachtet, wie er einen Denunziationsbrief diktiert, erfährt den Verrat. Sie geht in der Absicht, Laura und Enzo auseinander zu halten, mit auf das Schiff. Es kommt zum Handgemenge zwischen den Frauen, beinahe in einer Messerstecherei endend, als Gioconda den Rosenkranz ihrer Mutter, und Laura als deren Retterin erkennt.

Die Szene ist auch musikalisch ein Duell, in dem der Komponist beide Soprane gegeneinander aufbringt. Die klaren Höhen von Katrin Adel, die bis zum sanftesten Pianissimo hin unerschütterlich bleiben, messen sich an der sinnlichen Tiefe von Nora Sourouzian, die mit ihrem dunklen Timbre die schwierigen Mezzo-Partien beinahe wie einen Contralto klingen lässt. Als Alvise sich nähert, erkennt Gioconda die Gefahr für Laura und bietet ihr ihre Barke zur Flucht an. Sie versucht auch Enzo Zuflucht anzubieten. Dieser aber will sich der Konfrontation mit Alvise stellen und setzt sein Schiff in Brand.

Atto terzo - Täuschung und ein skandalträchtiger Tanz
Bei einem Fest in seinem Palast entscheidet Alvise, dass seine Frau Laura sterben muss und zwingt sie ein Gift zu trinken. „Si morir ella de!“ In Ernesto Morillo hat das Theater den dafür denkbar schwärzesten, dramatischen Bass gefunden. Er vermag die Kälte und Bosheit des dargestellten Charakters mit Überzeugung zu vermitteln, nicht ohne hier und da eine Schauer zu erzeugen.

Laura, mit dem Gift allein gelassen, wird von Gioconda gerettet, die wundersamerweise ein Betäubungsmittel bei sich trägt. Dieses wird Laura in einen todesähnlichen Schlaf versetzten. Schnell tauscht sie die Flüssigkeiten aus und zwingt Laura zu trinken. Auf dem Fest befinden sich auch Barnabas, Enzo und die Cieca. Als die Totenglocken läuten, verkündet Alvise, dass diese für die soeben verstorbene Laura klingen. In seiner Verzweiflung gibt sich Enzo zu erkennen, wird verhaftet und abgeführt. Barnabas wendet sich erneut zur Gioconda und zwingt sie, sich ihm hinzugeben. Sie willigt ein, unter der Bedingung dass Enzo befreit wird.

Es folgt der bekannte Tanz der Stunden. Choreografin Beate Vollak wollte diese Szene keiner Tänzerin Ihres Ensembles zumuten. Deshalb tanzt sie selbst mit freiem Oberkörper und zeigt auf grausigste Art die ganze Schlechtigkeit der Männerwelt, die ihre Wut an einer hilflosen Frau auslässt. Zwischen den Soldaten, die ein russisches Roulett mit ihr veranstalten und sie nacheinander vergewaltigen, stirbt sie mit dem letzten Schuss.

Die Szene löst, selbst beim ansonsten sehr verhaltenen St.Galler Publikum, heftige Entrüstung und Buhrufe mit einigen Bravo-Rufen durchmischt, aus. Diese Reaktion hat die, an der Applausordnung freudestrahlende Regisseurin, wohl einkalkuliert. Das Publikum applaudiert hingegen der tapferen Tänzerin und buht die Regisseurin weiter aus. Zu erfahren war erst hinterher, dass der Tanz Beate Vollacks Idee und durchwegs von ihr choreografiert war.

Atto quarto - Suicidio/ Selbstmord
Die seelisch gebrochene Gioconda, ist zurück in ihrer Heimat, der Insel Giudecca. Sie hat alles verloren, ihre Liebe, ja selbst ihre Mutter, die verschwunden ist, und sieht nur noch im Selbstmord den Ausweg.

Ponchielli hat seiner Hauptfigur die grössten Schwierigkeiten auferlegt, indem er den dramatischen Sopran plötzlich in den Facetten einer Lucia di Lammermoor singen lässt. Eine Herausforderung, die Katrin Adel mit Bravour meistert und zeigt, dass sie nicht nur in beiden Fächern zu glänzen, sondern auch die Szenerie mitreissend zu beherrschen vermag.

Enzo beschuldigt die Gioconda den toten Körper von Laura gestohlen zu haben, als plötzlich Laura aufwacht und nach Enzo ruft. Enzo erkennt Gioconda als Retterin und will den beiden wieder zur Flucht verhelfen. Doch Barnaba fordert seinen Lohn. Gioconda, aller Hoffnung beraubt, trinkt das Gift und sinkt tot in Barnabas Armen zusammen. Der gesteht der bereits toten Gioconda, ihre Mutter im Kanal ertränkt zu haben.


Paolo Gavanelli, in St.Gallen kein unbeschriebenen Blatt, zeigt in der Rolle des Barnaba in Stimme und Darstellung sein herausragendes Können. Pietro Rizzo, Musikalischer Leiter, versteht die wahre Italianità dieser Oper und führt sein Orchester durch alle Höhen und Tiefen von Ponchiellis Musik. Auch Susanne Gritschneder, die die Rolle der Cieca fast ausschliesslich kniend und mit Augenbinde singen muss, bietet trotz massiver Einschränkung einen besonderen Hörgenuss. Mit ihrem, schon im zarten Alter gereiften, vollen und in der Tiefe sicher sitzenden Contralto, hat sich das Theater St.Gallen eine Solistin von grossem Talent im Ensemble gesichert.


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(Bildrechte: Hans Jörg Michel mit freundlicher Genehmigung des Theaters St.Gallen)


Carmela Maggi
Besprechung mit Opernführung vom 14. Februar 2014