Giulio Cesare-Theater St.Gallen Copy | Oper und Kultur

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Giulio Cesare-Theater St.Gallen Copy | Oper und Kultur

Maskierte Eröffnung

Gleich mit drei Countertenören kann das Theater St.Gallen bei der Umsetzung von Händels Oper „Julio Cesare in Egitto“ auffahren. Wie der Titel verrät, wird das Werk in italienischer Sprache aufgeführt. Auf erträgliche Länge gekürzt, dennoch opulent und in starker Anlehnung an die Barockaufführungen, schaffen es Leitungsteam, Protagonisten und Musiker jene unnachahmliche Transzendenz der Komposition aufzunehmen und wiederzugeben. Der Krise zum Trotz vor maskiertem, dicht gedrängtem Publikum.


Noch kurz vor dem neusten Verordnungs-Hammer des BAGs kann das Provisorium des Mutterhauses, nach der Absage im März, heute mit der ersten Opern-Aufführung eingeweiht werden. So darf sich am heutigen Abend der aufwändige und chice Ersatzbau mit 500 Plätzen, für die zweijährige Renovationszeit des Theaters St.Gallen errichtet, bis zum letzten Platz füllen. Das überschaubare Orchester mit Original-Instrumentalisten, unter der Führung des Händel-Spezialisten Rubén Dubrovsky, spielt für diese Produktion mit Sicherheitsabstand direkt vom Orchestergraben aus.

Vini, vidi, vici
Mit den berühmten Worten „Ich kam, sah, und siegte!“ beginnt Georg Friedrich Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto". Cäsar, (ver-)folgt mit undurchsichtiger Positionierung dem einstigen Freund und Gegenspieler Pompeius Magnus nach Alexandria. Von den Pharaonen besiegt, präsentiert sich dessen Kopf als mit Edelsteinen geschmückte Trophäe und kommt der Machtgier des Römischen Herrschers praktischerweise entgegen. Kurzerhand wird er nicht ganz unfreiwillig in die Rivalitäten des regierenden Geschwisterpaars Ptolemaius und Cleopatra mit ihrer Verführungskunst verstrickt. Aus den Intrigen steigt er aber zum Schluss als Sieger empor.

Alle kennen die sonst tragische Geschichte, die sich für heute Abend mit einem Happy End und grossem Schlussapplaus verabschiedet. Doch obwohl das Libretto von Nicola Franceso Haym eine Handlung mit klaren Strukturen aufzeigt, ging es ihm wohl einerseits um historische Nacherzählung, vermochte diese aber andererseits frei zu interpretieren.
Von Händel musikalisch umschrieben, entstand vor der erfolgreichen Uraufführung 1724 in London, ein Werk mit unerschöpflichem Umfang.

Barocke Tradition
Leitungsteam Rubén Dubrovsky und Fabio Ceresa kürzen die Oper auf drei Spielstunden und lehnen Inszenierung stark an die Aufführungen des Barock. Geschmückt mit opulenten Kostümen von Giuseppe Palella spielt die Handlung in den farbenfrohen Schiebekulissen von Massimo Checchetto.

Alles nicht so todernst zu nehmen! Die hier und da absichtlich hölzern wirkenden Szenen zaubern dem Publikum ein Lächeln unter die Hygienemasken. Zwischen mitreissender Tragik und höfischen Intrigen können die Protagonisten zwischendurch mit komischem Talent punkten. Gelungen ist besonders Cäsars Badeszene, die mit schelmischen Gesten die Koloratur-Arie ganz neu zu interpretieren vermag.

Legende auf den Kopf gestellt
Ceresas Inszenierung bildet einen Mittelweg zwischen der einstmals starren Gesangsdarbietung und der schauspielerischen Darstellung, die erst in der Neuzeit durch Maria Callas revolutioniert wurde. Das erlaubt den Sängern, ihre Gesangskunst voll auf die atemberaubenden Koloraturen zu konzentrieren.
Die abgedroschene Legende, in der sich die letzte Pharaonin, in einen Teppich eingerollt zu Cäsars Domizil liefern liess, hat der Regisseur durch eine neue Fantasie ersetzt. Denn als Dienerin eingeschmuggelt, bewegt sich die sagenumwobene Herrscherin längere Zeit inkognito im Haus des römischen Herrschers, um mit unbefangener Verführung dessen Pläne auszuspionieren.

Die drei Counter
Es ist eine geheimnisvolle Transzendenz, die Händels Kompositionen ausmacht. Genau diese zu erreichen, gelingt besonders der Mezzosopranistin Sonja Runje. In der Rolle der um Pompeius trauernden Witwe Cornelia, vermag sie auch den Stimmumfang der namhaften Counter Vasily Khoroshev als Nireno, sowie Luigi Schifano als Tolomeo zu erreichen und das Publikum sphärisch mitzureissen. Raffaele Pe schafft es als Cäsar schwierigste Koloraturen sauber und mit wahrer Akrobatik zu vollführen. Reich an Obertönen scheint seine Klangfarbe zeitweise Erde und Himmel zugleich zu berühren. Kleine Nervositäts-Patzer am Anfang sind bald vergessen und mit laufender Vorstellung läuft er zu wahrer Hochform auf. Genauso Tatjana Schneider als Cleopatra, seit 2017 Teil des Ensembles in St. Gallen, vermag ihr Timbre von der listigen Verhaltenheit einer Dienerin zur ganzen Macht der legendären Ägypterin auszufahren.

Weitere Aufführungen voraussichtlich bis zum 30. Dezember 2020
Infos und Tickets

Carmela Maggi
24. Oktober 2020



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