Belshazzar-Opernhaus Zürich Copy | Oper und Kultur

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Belshazzar-Opernhaus Zürich Copy | Oper und Kultur

Am Rand der Apokalypse

Zusammen mit dem Leitungsteam ist Sebastian Baumgarten mit seiner Inszenierung von Händels „Belshazzar“ am Opernhaus Zürich die Gratwanderung zwischen zwei Musikformen und das Experiment gelungen, ein Oratorium als Oper aufzuführen. Dem Publikum gefiels und es verliess die Premiere begeistert und nachdenklich zugleich.

Hure Babylon, Hure Oper
Ist ein Oratorium, aufgeführt im Opernhaus nicht eine Entweihung des Werkes selbst? Ganz und gar nicht. Denn Händels Oratorium „Belshazzar“ zeigt sich dramatisch und gleicht in seinem Aufbau einer Oper. Jedoch ohne das Dogma und die Eitelkeiten derselben.
Als Georg Friedrich Händel im zweiten Drittel seines Lebens, finanziell und gesundheitlich angeschlagen, dem Opernbetrieb mit seinen dogmatischen Auswüchsen endgültig den Rücken kehrt, wendet er sich ausschliesslich geistlichen Werken zu. Anfangs wurden diese vom Städtischen Bürgertum getragen und noch nicht in den Kirchen vorgetragen. So auch sein 15. Oratorium „Belshazzar“, das am 27. März 1745 im King’s Theatre in London seine konzertante Uraufführung erlebte. Geschrieben in englischer Sprache beschreibt die Handlung Babylons Untergang aus dem 7. Kapitel im Buch des Sehers Daniel im Alten Testament. Die Musik jedenfalls ist genau so eingängig und prachtvoll wie sie aus den Opern des Komponisten bekannt ist.


Grenzüberschreitendes Experiment
Das Opernhaus Zürich holt also Händel mit seinem Oratorium gewissermassen zum Ursprung seines Schaffens zurück und wagt gleichzeitig durch das Experiment einer inszenierten Aufführung einen Schritt in die geistliche Welt.
Auf geniale Weise greift Sebastian Baumgarten in Zusammenarbeit mit der Filmemacherin und Videokünstlerin Hannah Dörr die Geschichte des Kapitels auf und spinnt diese, wie auch die weiteren Kapitel im Buch Daniel, weiter bis in die heutige Zeit und die Zukunft hinein. Passend zur baldigen Adventszeit nutzt er damit den Geist des Nachdenkens über die eigene Existenz.


Virtuelles Breitband
Eingangs eine Abwandlung von Rembrandts "Gastmal des Belsazar" auf einer Breitband-Leinwand, spiegelverkehrt und auf die heutige Zerstörung der Erde zeigend. Was damals für Babylon galt, gilt heute für die ganze Welt; Eine Herrschaft der Dekadenz, Macht- und Geldgier zerstört sich letztendlich selbst. Hannah Dörr bringt mit Ihren Installationen die Handlung in die derzeit alles beherrschende, virtuelle Welt.

In der Mitte des Geschehens Nitocris, die Mutter Belshazzars. Sie versucht in Ihrer Sorge um die Zerstörung des Königreichs zwischen ihrem Sohn und den gefangenen, frommen Juden zu vermitteln. Der selbstherrliche Herrscher jedoch, wie sollte es anders sein, frönt siegessicher Völlerei und Eitelkeiten ohne Reue und macht sich über die Prophezeiung der Juden und seine Mutter lustig. Als er es auch noch wagt, die heiligen Reliquien einzufordern, um sie in seinem Fest zu entweihen, schlägt Gottes Rache mit eiserner Hand zu.

MENE TEKEL UPHARSIN
MENE; Gott hat die Tage Belshazzars Herrschaft gezählt, TEKEL; Der Herrscher wurde gewogen und für zu leicht befunden, UPHARSIN; sein Reich falle an die Perser.
Die drei rätselhaften Worte lässt die Regie genialerweise als Tatoo auf dem Unterarm Belshazzars erscheinen. Dort lassen sie sich nicht mehr abwaschen, dort können sie nicht in Vergessenheit geraten. Christina Schmitts Kostümierung zeigt zudem klar die Gegensätze zwischen Juden und Babyloniern. Bunt und in Arm und Reich eingeteilt bildet des Herrschers Gefolge einen krassen Gegenpol zu den gefangenen Juden, die ihre Frömmigkeit einheitlich dezent, in Gedenken aller namhaften Zeitgenossen, auf den grauen Shirts tragen. Als lachende Dritte, die Persische Armee in schwarzes Leder gekleidet.

Rollendebut
Dem Schweizer Tenor Mauro Peter gelingt mit seinem Rollendebut eine authentische Verkörperung der Titelgestalt. Die lyrischen Passagen bereist er mit voluminösem und doch leichtfüssigem, dunklen Timbre, das seine Stimmlage beinahe vergessen lässt.
Zusammen mit seiner Mutter Nitocris, ebenso brillant verkörpert durch die Kanadierin Layla Claire. Unzweifelhaft wie die Haltung der Rolle, meistert sie die schwierigen Koloraturen und Triller sauber und spielt mit Überzeugungskraft und Würde.

Mit Evan Hughes als Gabrias und Jakub Józef Orliński als Cyrus gelingt dem Opernhaus die Gastierung zweier namhafter Solisten. Ohne Zweifel gut investierte Gagen, ernten die Beiden prompt den verdienten Applaus. Cyrus macht die Koloraturen und Triller zu wahren Kapriolen, die der preisgekrönte Countertenor mit zweifellos hart erarbeiteter Sauberkeit und der Kraft eines Spitzensportlers meistert. Insgesamt ertönt seine Stimme zwar klar und direkt, lässt jedoch den Faccettenreichtum und die sonst so geliebten Herztöne, die Counter und Mezzosoprane wie Philippe Jaroussky und Cecilia Bartoli berühmt machten, vermissen. Vielleicht auch, weil es nicht in sein Spiel als persischer Krieger passen würde. Das tosende Publikum stört es jedenfalls nicht.


Hosenrolle
Ebenfalls klar und sicher die lyrischen Passagen des Gobrias souverän umgesetzt durch den Kalifornischen Bassbariton Evan Hughes. In der "Hosenrolle" als David, dem Seher der Juden, die Mezzosopranistin Tuva Semmingsen zusammen mit ihrem jüdischen Gefolge. Nein, es muss nicht immer die grösste Stimme sein, besonders nicht in diesem Fach. solange die Intonation sauber, sensibel und durch den Reichtum an Obertönen brillant erscheint. Händel hat Solistin und Chor die wärmste und reinste Musik der Gerechten auf den Leib geschrieben. Die geistliche Demut ist beiden sicher, denn sie singen ganz einfach zum Niederknien!

Humoristische Lanzenbrecher bieten einige Tänzer und Schauspieler, die zuweilen als Babylonier von Kostüm und Maske in die Zeit des Homo sapiens zurückversetzt und an die streunenden Drögeler in der Stadt erinnern. Aber auch das Einfahren des ersten von den vier im Buche Daniel auftauchenden Tiere sorgt für allgemeine Erheiterung. Kurzerhand wurde aus dem geflügelten Löwen ein Puma gemacht, der seine ausgeklügelte Technik beim Wenden auf der Bühne lüftet.

Und Musik!
Das biblische Drama hat Händel wie seine früheren Werke in die denkbar zauberhafteste Musik eingepackt. Zusammen mit dem "Orchestra La Scintilla" und vier Virtuosen an Barockinstrumenten versetzt der musikalische Leiter und Händel-Spezialist Laurence Cummings den Saal gekonnt in eine andere Welt. Auf den Boden der Tatsachen zurück holt die Live-Kamera-Aktion von Julia Bodamer. Sie verbindet die biblische Geschichte des alten Babylon mit der virtuellen Welt und zeigt durch Dürrs Filmarbeit die Folgen der klimaschädigenden Sünden der Gegenwart. Letztich setzen die beeindruckenden Videoinstallationen dem Drama noch eins drauf und lassen den Abend mit dem Niedergang eines Meteoriten auf der Erde enden. Bumm! Das kollektive Gewissen jedenfalls wiegt schwer.

Weitere Aufführungen bis zum 6. Dezember 2019
Infos und Tickets

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Carmela Maggi
3. November 2019